Monats-Archive: August 2013

Im Rahmen unserer Reihe “Populäre Irrtümer” soll hier als Fortführung des Artikels Geschäftsbanken verleihen Zentralbankgeld die Behauptung „Banken benötigen Spareinlagen um Kredite zu vergeben“ als falsch entlarvt werden.

In der gängigen Meinung funktionieren Geschäftsbanken als reine finanzielle Vermittler, während die Erzeugung von Geld (Geldschöpfung) alleine der Zentralbank zukommt. Tatsächlich ist unser Geldsystem ein Hybrid aus öffentlicher und privater Struktur, in dem ein maßgeblicher Teil der Geldschöpfung bei den Geschäftsbanken liegt. In einer für jedermann verständlichen Veröffentlichung der Bundesbank ist zu lesen:

“Geschäftsbanken schaffen Geld durch Kreditvergabe.”

Benötigt also ein Unternehmen einen Kredit für eine Neuinvestition, kann die Bank diesen immer gewähren, da dieses Geld eben durch Bilanzverlängerung neu entsteht (siehe auch hier und hier). Da ein Ausfall dieses Kredits der Bank einen Verlust beschert, wird sie vorher im eigenen Interesse die Zahlungsfähigkeit des Schuldners prüfen und gegebenenfalls Sicherheiten verlangen. Ansonsten muss sie nur die Mindestreserve- und Eigenkapitalanforderungen einhalten. Die Mindestreserve gibt an, wie viel Zentralbankgeld eine Bank im Verhältnis zur Gesamthöhe ihrer Kundenguthaben vorhalten muss. Hat eine Bank so viel Giralgeld erzeugt, dass ihr Bestand an Zentralbankgeld zu niedrig ist, muss sie sich dieses neu besorgen. Neues Zentralbankgeld kann sich die Bank aber u. a. über Pensionsgeschäfte zum Leitzins (Hauptrefinanzierungssatz) von der Zentralbank beschaffen. Zusätzlich gilt laut Bundesbank:

“Die als Mindestreserve gehaltenen Einlagen werden vom Eurosystem verzinst, und zwar zum durchschnittlichen Zinssatz der Hauptrefinanzierungsgeschäfte. Die Geschäftsbanken haben somit durch die Mindestreservepflicht praktisch keinen Zins- und Wettbewerbsnachteil gegenüber Banken außerhalb des Euro-Währungsgebiets, die keine Mindestreserve unterhalten müssen.”

Die Mindestreserve ist also für die Banken kostenneutral und beschränkt die Geldschöpfung de facto nicht. Damit bleibt als einschränkender Faktor nur die Eigenkapitalanforderung. Der Vorgang des Sparens bewirkt jedoch keine Veränderung des Eigenkapitals der Bank. Die Möglichkeit einer Kreditvergabe ist somit von Sparaktivitäten unabhängig. Um der Vollständigkeit willen sei hier allerdings darauf hingewiesen, dass Sparen für Banken nicht generell irrelevant ist; eine genauere Ausführung dazu findet sich hier.

Man sieht also, dass erhöhtes Sparen die Kreditvergabe für Investitionen nicht begünstig. Eine volkswirtschaftliche Kausalität gibt es stattdessen in der anderen Richtung: Investitionen wirken sich tendenziell positiv auf Einkommen und Profite und deswegen auch tendenziell positiv auf Sparen aus.

Dagegen geht eine erhöhte Sparneigung in der Regel mit reduziertem Konsum einher, sodass Verkäufer deutlich geringere Einnahmeströme sehen. In der Folge werden sich Unternehmen die Frage stellen, ob sich Investitionen überhaupt noch lohnen, wenn weniger verkauft werden kann – und Familien werden sich die Frage stellen, ob in Zeiten großer Unsicherheit am Arbeitsmarkt ein Hausbau wirklich das Richtige ist. Demnach wirkt sich verstärktes Sparen letztlich sogar negativ auf Investitionen und damit auf die Möglichkeit der Kreditvergabe durch die Geschäftsbanken aus.

Man kann nun versuchen, die Verbindung zwischen Sparen und Kreditvergabe wiederherzustellen, indem man die Mindestreserve auf 100% erhöht, wie es Befürworter des Vollgelds fordern. Oder aber man begrüßt die Möglichkeit, die Realwirtschaft jederzeit in gewünschter Höhe finanzieren zu können, und stellt das derzeitige Hybridsystem konsequent auf ein endogenes um. Dabei muss nur sichergestellt werden, dass die Kreditvergabe auch sinnvollen Zwecken dient, wie es etwa dieser Antrag fordert.

Dieser Beitrag ist Teil unsere kleinen Reihe “Populäre Irrtümer”.

Seit Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise wird uns von den führenden Politikern der großen Parteien unter Mithilfe der Massenmedien fast täglich erzählt, dass die südeuropäischen Krisenländer wettbewerbsfähiger werden müssen. Das Ganze gipfelte dann in der Aussage Angela Merkels auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos im Januar 2013, dass ganz Europa wettbewerbsfähiger werden muss. Erreicht werden soll dies durch eine Politik des „Sparens“ und ganz speziell durch Lohnsenkungen.

Dann schauen wir uns einmal an, wie sinnvoll so eine Politik ist. Ich will hier nicht über das Leid der Bevölkerung referieren, welches sich zwangsläufig aus den Lohnsenkungen und Kürzungen (das eigentlich richtige Wort für „Sparen“) ergibt. Es geht mir um die Logik der Argumentation.

Da wir nun mal alle in einer räumlich begrenzten Welt leben, kann es nicht sein, dass die ganze Welt an Wettbewerbsfähigkeit zulegt (es sei denn, wir treiben demnächst Handel mit anderen Planeten). Es muss also bei Wettbewerbs-Gewinnern gleichzeitig Verlierer geben.

Hier stellt sich die Frage, gegenüber wem soll eigentlich ganz Europa seine Wettbewerbsfähigkeit erhöhen? Das kann nur das nichteuropäische Ausland sein.

Wenn nun Europa an Wettbewerbsfähigkeit gewinnt, muss zwingend Nicht-Europa an selbiger verlieren. Lassen sich die Staaten außerhalb Europas dies einfach so gefallen? Natürlich nicht. Was wird also passieren? Das nichteuropäische Ausland wird entweder seine eigene Währung gegenüber dem Euro abwerten oder Handelsschranken errichten (oder beides), um seine eigene Wirtschaft zu schützen.

Es bringt ganz Europa also überhaupt nichts, durch massive Kürzungen und Lohnsenkungen an Wettbewerbsfähigkeit zu gewinnen. Erreicht wird dadurch nur eins: einem Großteil der Menschen in Europa geht es schlechter.

Warum stellt sich also eine Bundeskanzlerin auf ein Podium und fordert diese Wettbewerbsfähigkeit ganz Europas? Entweder hat sie diese trivialen Zusammenhänge nicht verstanden, oder sie ist sich dessen bewusst und handelt nicht für das Wohl der europäischen Bürger, sondern verfolgt andere Interessen. Welche Variante schlimmer ist, mag der Leser für sich selbst entscheiden.

Vielleicht hat Frau Merkel das auch gar nicht so gemeint, wie sie es sagte und wollte eigentlich nur die südeuropäischen Krisenländer ermuntern, Deutschland nachzueifern und hauptsächlich gegenüber den erfolgreichen Nordländern (neben Deutschland z.B. auch die Niederlande) an Wettbewerbsfähigkeit zu gewinnen.

Wie oben beschrieben, gibt es grundsätzlich neben den Gewinnern natürlich auch Verlierer. Da wir uns hier aber in einer Währungs- und Handelsunion befinden, könnte Deutschland, wenn es an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den Krisenländern verliert, eben nicht mit Hilfe von Währungsabwertungen oder Handelsschranken reagieren. Innerhalb Europas würde sich die Wettbewerbsfähigkeit also angleichen. So weit so gut.

Wenn diese Angleichung das Ziel sein sollte, stellt sich aber die Frage, mit welchen Mitteln sollte dies geschehen. Bisher hieß es unisono, die Löhne in Südeuropa sind zu hoch. Sie müssen sich den Löhnen (genauer gesagt den Lohnstückkosten, also das Lohnniveau im Verhältnis zur Produktivität) Deutschlands anpassen. Diese Variante der Wettbewerbsangleichung ist aber nicht zwingend, schon gar nicht alternativlos.

Das gleiche Ziel wird erreicht, indem nicht die Löhne der Krisenländer gesenkt, sondern die Löhne der anderen Länder erhöht werden. Warum wird diese Lösung des Wettbewerbsproblems nicht einmal im Ansatz von Politikern der großen Parteien und den Medien diskutiert? Es wäre so einfach und hilft allen. Schluss mit der Austeritätspolitik in Südeuropa, damit die Bürger dort wieder eine Perspektive bekommen und Anhebung der Löhne in den bisherigen Nicht-Krisenländern, damit auch dort die zunehmende Armut (vor allem die drohende Altersarmut) bekämpft wird.

Viele Ökonomen fordern seit Jahren genau diese Änderung der Politik. Leider bleiben sie ungehört. Mir stellt sich die Frage, wessen Interessen von den Regierungen in Europa eigentlich verfolgt werden?

Zum Schluss ein Ausblick. Sollten die Verantwortlichen ihre Politik nicht überdenken und ändern, wird in den nächsten Jahren folgendes passieren. Durch die Lohnsenkungen in Südeuropa kann es dazu kommen, dass z.B. Deutschland tatsächlich an Wettbewerbsfähigkeit verliert und Einbußen hinnehmen muss. Wie wird die Politik darauf vermutlich reagieren? Sie wird das gleiche Rezept anwenden und fordern, dass Deutschland wieder mehr Wettbewerbsfähigkeit braucht. Es wird erneut der Ruf nach Lohnsenkungen laut. Eine Abwärtsspirale wird die Folge sein.

Lassen wir es nicht dazu kommen. Beenden wir diese fatale Politik und leiten eine Kehrtwende ein. Ein flächendeckender Mindestlohn in Deutschland mit jährlichen Steigerungen von z.B. 5%, ein Verbot der Ausbeutung von abhängig Beschäftigten durch sogenannte Werkverträge, eine höhere Bezahlung von Leiharbeitern als fest angestellte Mitarbeiter, damit die größere Flexibilität von Leiharbeitern im Markt richtig eingepreist wird. Dies wäre ein Anfang, um das eigentliche Ziel, welches offensichtlich aus den Augen verloren wurde, zu erreichen: Allen Menschen soll es besser gehen.


Weiterführende Informationen zum Thema der Saldenmechanik und der Wettbewerbslogik unter Nationen:


In nächster Zeit wollen wir in einer kleinen Beitragsserie einige populäre Irrtümer im Finanz- und Wirtschafsbereich aufgreifen. Wir starten mit dem folgenen Beitrag zum Zentralbankgeld und der Geldpolitik.

Im Zuge der expansiveren Geldpolitik der Zentralbanken kommen leider immer wieder vielen falschen Aussagen und Thesen zustanden. Dazu gehört, dass dadurch Inflation entstehen muss, und dass die Geschäftsbanken das Zentralbankgeld an Kunden weiter verleihen würden oder es eben gerade nicht richtig tun. Zu diesen Aussagen kann man nur kommen, wenn man unser heutiges Geldsystem nicht richtig analysiert hat. Nicht nur uns in der AG Geldordnung und Finanzpolitik stört dieser Umstand, sondern auch verschiedene Ökonomen. So hat der Chefökonom  der Ratingagentur Standard & Poors, Paul Sheard, einen Artikel geschrieben, in dem er seinen Unmut deutlich zum Ausdruck bringt und die Sachlage versucht richtig darzustellen. Der Titel des Artikels lautet: „Repeat After Me: Banks Cannot And Do Not Lend Out Reserves” oder frei übersetzt: “Sprich mir nach: Banken können nicht und verleihen nicht Zentralbankgeld”

Der Unterschied zwischen Zentralbankgeld und Geschäftsbankengiralgeld

Sheard erklärt, wie Geld für Menschen und Unternehmen (sogenannte Nichtbanken) durch Kredit entsteht (ich nenne es Geschäftsbankengiralgeld). Mit verleihen hat der Kreditprozess nichts zu tun, vielmehr gilt: Geld entsteht und Geld vergeht. Ausführlich ist dies auch im Wiki der AG nachzulesen (Aufbereitete Themen: Geldschöpfung) oder als Video hier. Zentralbankgeld wird daher nur von der Zentralbank an die Geschäftsbanken gegeben und dort für Transaktionen zwischen den Geschäftsbanken genutzt. Wenn die Geschäftsbank einen Kredit an einen Kunden vergibt (als Giralgeld), so entsteht dabei neues Geschäftsbankengiralgeld, das mit dem Zentralbankgeld nichts zu tun hat. Es handelt sich sozusagen um eine andere Geldsphäre. Deshalb ist es faktisch falsch davon zu reden, dass Geschäftsbanken das Zentralbankgeld direkt mit Krediten „weiter geben“. Die Verknüpfung dieser beiden Geldsphären besteht nur darin, dass Nichtbanken ihr Giralgeld, auf dem Konto bei der Geschäftsbank, in Bargeld umtauschen können (und umgekehrt). Unser Bargeld ist nämlich auch Zentralbankgeld.

Der Einfluss der Zentralbankgeldmenge auf die Geldschöpfung der Geschäftsbanken

Nun gehen die alten Theorien zur Geldmengensteuerung davon aus, dass die Zentralbank über die Zentralbankgeldmenge die Geldschöpfung der Geschäftsbanken steuert (Stichwort: Mindestreserve). Auch dies hält Sheard für falsch und wir hatten dies bereits mit Prof. Richard Werner diskutiert. Für die Kreditvergabe der Geschäftsbanken ist demnach nicht die Zentralbankgeldmenge ausschlaggebend, sondern die Nachfrage nach Krediten aus dem Nichtbankensektor. Diese Nachfrage wird durch verschiedene wirtschaftliche Faktoren bestimmt. Die Zentralbank steuert also nicht, sondern stellt nur noch das Zentralbankgeld zur Verfügung, das nach der Geldschöpfung der Geschäftsbanken benötigt wird. Verschiedene Zentralbanken auf der Welt stellen derzeit in großen Stil Zentralbankgeld zur Verfügung, zum Beispiel die US-amerikanische Notenbank FED mit ihrem „Quantitative Easing“- Programm (QE). Dass dies nicht in gleichem Maße zu einer erhöhten Geldmenge für den Nichtbankensektor führt, zeigt die folgende Grafik.

Vergleich der Geldmenge M2 und der Zentralbankgeldreserven in den USA

Vergleich der Geldmenge M2 und der Zentralbankgeldreserven in den USA

Obwohl die Zentralbankgeldmenge (hier blau, „Bank reserves“) seit 2008 massiv ansteigt, entwickelte sich die Geldmenge M2 im Nichtbankensektor (rot) seit 1996 fast linear weiter. (Anmerkung: da die FED die $-Geldmenge M3 nicht mehr veröffentlicht, könnte es sein, dass bei dessen Betrachtung eine etwas andere Entwicklung abgelesen werden könnte. Laut shadowstats.com wächst M3 sogar schwächer.)

Der Einfluss von QE und ähnlichen Maßnahmen auf die Kreditvergabe der Geschäftsbanken scheint also begrenzt zu sein. Nichtsdestotrotz würde die Kreditvergabe ohne solche Programme womöglich heute noch schlechter aussehen. Der gewünschte Effekt tritt laut Sheard unter anderem durch die Portfolio-Restrukturierung der Geschäftsbanken auf. Durch den Aufkauf der Zentralbank von langfristigen Vermögensgegenständen (Staatsanleihen, lange Kreditforderungen etc.) von den Geschäftsbanken steige die Bereitschaft neue Kredite zu vergeben (Anmerkung: Womöglich auch weil einige „faule Assets“ die Bilanzen nicht mehr belasten.). Der Effekt sei aber gering und sollte durch fiskalpolitische Maßnahmen (z.B. höhere Staatsausgaben) ergänzt werden. Er hält solche Maßnahmen, wie QE, trotzdem für richtig.

Die Zentralbankgeldmenge und die Inflation

Die Geldmenge (hier US-M2) steigt im gleichen Maße an, wenn die Zentralbank Vermögensgegenstände direkt von Nichtbanken kauft. Dabei erhalten die Nichtbanken den Betrag direkt auf ihre Konten und die jeweilige Geschäftsbank gleichzeitig Zentralbankgeld in gleicher Höhe. Dies findet bisher wahrscheinlich nicht im großen Maßstab statt. Sollte sich dies ändern, steigt auch das Inflationspotential. Damit eine Steigerung der Güterpreise (gemeint sind alle Realgüter) jedoch auch wirklich eintritt, muss das vermehrte Geld auch auf diesen Gütermärkten wirksam werden und darf nicht nur im bezugslosen Finanzsektor herumwandern. Inflationsgefahr besteht also nur, wenn sich die für die Wirtschaft relevante Geldmenge auch erhöht oder sich auf die Güterpreise auswirkt (vor allem durch erhöhte Nachfrage). Allein durch eine Erhöhung der Zentralbankgeldmenge, die nicht zu dieser relevanten Geldmenge gehört, kann also keine Inflation entstehen. Gleichzeitig können die Zentralbanken, durch den Verkauf der Vermögensgegenstände, die Zentralbankgeldmenge auch wieder abbauen. Ob das sinnvoll ist, oder zum Beispiel bei Staatsanleihen überhaupt möglich erscheint, soll hier nicht weiter ausgeführt werden.

Leider führen natürlich auch die expansiven Maßnahmen der Zentralbanken zu negativen Effekten. Sheard spricht von entstehenden Schwankungen an den Finanzmärkten, mit denen umgegangen werden muss. Leider führt er dies nicht weiter aus. Ein Effekt der erhöhten Zentralbankgeldmenge könnte auch sein, dass die Investmentbereiche der Geschäftsbanken aktiv werden und durch den Kauf von Vermögensgegenständen die Geldmenge (hier US-M2) erhöhen und gleichzeitig diese Vermögensmärkte befeuern. Denkbar sind vor allem Vermögensblasen, die aber nicht nur durch die erhöhte Zentralbankgeldmenge, sondern durch das niedrige Zinsniveau und somit geringen Renditen auf bestimmte Anlagen (z.B. Sparkonten, Staatsanleihen, etc.) gefördert werden, weil stattdessen in anderen Vermögensklassen vermehrt investiert wird. Es besteht auch die Möglichkeit, dass Finanzspekulationen auf Rohstoffe diese verteuern und somit auch über diesen Weg auf die Güterpreise durchschlagen. Oder auch, dass Preissteigerungen in Grund und Boden und Immobilien auftreten können, weil diese Vermögenswerte mehr nachgefragt werden. Dies sind aber auch allgemeine Probleme und keinesfalls erst durch eine bestimmte Geldpolitik der Zentralbank ausgelöst. Wie groß diese schlussendlich doch inflationär wirkenden Effekte wirklich sind und welchen Einfluss die geldpolitischen Maßnahmen dabei haben, lässt sich durch die vielen verschiedenen Einflussfaktoren schwer feststellen.

Ein vorübergehend positiver Effekt trat durch die expansive Geldpolitik auch auf. Geschäftsbanken, die an Liquiditätsengpässen durch zu große Kapitalabflüsse der Nichtbanken gelitten haben, konnten zunächst wieder handlungsfähig gemacht und dadurch das Finanzsystem stabilisiert werden. Vor allem für einige südeuropäische Banken war dies von Vorteil.

Zusammenfassung

1. Geschäftsbanken können das Zentralbankgeld von ihrer Zentralbank, aus rein technischen oder buchalterischen Gründen, nicht direkt an Nichtbanken „weiter geben“.
2. Eine Erhöhung der Zentralbankgeldmenge führt nicht direkt zu einer erhöhten Geldschöpfung der Geschäftsbanken durch Kredite.
3. Inflation bei Güterpreisen kann nicht direkt durch eine erhöhte Zentralbankgeldmenge ausgelöst werden.
4. Durch eine expansive Geldpolitik können verstärkte Schwankungen und Vermögensblasen an den Finanzmärkten auftreten.

Der letzte Punkt kann durch eine strenge Finanzmarktregulierung, Änderungen im Bankensystem und steuerliche Maßnahmen angegangen werden. Damit hat die Zentralbank aber wieder überhaupt nichts zu tun. Auch wenn man sich noch über einige Aussagen von Paul Sheard streiten kann, die Tatsachen wie Kredite vergeben werden und welchen Einfluss die Zentralbankgeldmenge darauf eben nicht hat, kann man nicht oft genug wiederholen.

Wenn mal wieder irgendwo jemand erwähnt wie das Geld der Zentralbank durch Geschäftsbanken weiter “verliehen” wird oder “weiter gegeben” werden soll, so antwortet: “Repeat After Me: Banks Cannot And Do Not Lend Out Reserves”.

Ein Beitrag von Matthias Garscha:

 

Seit Ausbruch der Finanzkrise wartet die Zivilgesellschaft in den westlichen Staaten auf eine Antwort der Politik auf die Exzesse der Finanzindustrie. Seit Jahren wartet Sie vergebens. Vielleicht liegt es auch daran das sich Politik und Finanzindustrie in den letzten Jahrzenten viel zu nahe gekommen sind.

Dabei gibt es an Lehren aus der Finanzkrise keinen Mangel, wenn auch viele Beobachter betonen, dass wir immer noch nicht genau verstünden, was eigentlich passiert ist. Dirk Bezemer von der Uni Groningen verglich die Situation mit der Weltwirtschaftskrise, wo es 20 Jahre dauerte bis sich ein neues ökonomisches Denken durchsetzte. Besorgt fragt er am Ende eines sehr empfehlenswerten Videos (1): Müssen wir heute wieder solange warten?

Im Zentrum steht daher meines Erachtens zuerst die Frage, welcher theoretische Ansatz die Krise am besten erklären kann.

Einer der Favoriten Hyman Minskys Denkansatz. Sehr gut erklärt wird dieser als postkeynsianisch bezeichneter Ansatz im Blog “Never Mind the Market” im Züricher Tagesanzeiger (2), oder von den beiden führenden Forschern auf diesem Gebiet (Dirk Bezemer und Steve Keen).

(Never Mind): Einer der lesenswertesten Ökonomen überhaupt, wenn es um das Zusammenspiel von Finanzsektor und «Realwirtschaft» geht, ist Hyman Minsky (1919 bis 1996). Der Amerikaner hielt es – ebenso wie sein Lehrmeister Joseph Schumpeter (1883 bis 1950) – nie für zulässig, den Finanzsektor in den ökonomischen Modellen zu ignorieren. Weil ein Kredit eine private Vereinbarung zwischen zwei Parteien ist, seien Finanzinstitute in der Lage, Geld aus dem Nichts zu schöpfen, argumentierte Minsky. Eine simple Buchung (Aktivum: neues Kreditguthaben, Passivum: neue Kundeneinlage) genüge. Die Finanzinstitute sind demnach also nicht bloss Intermediäre, sondern sie können nach ihrem Willen die Nachfrage in der Wirtschaft anfeuern.

Gemäss Minskys Lehre treibt die Veränderung der ausstehenden privaten Schulden daher die BIP-Wachstumsraten sehr wohl in die Höhe: Neu vergebene Kredite beruhen nicht zwangsläufig auf dem zeitgleichen Konsumverzicht von Sparern, sondern basieren primär auf dem Versprechen einer künftigen Rückzahlung. Die Volkswirtschaft verhält sich wie ein Unternehmen, das immer mehr Schulden aufnimmt, um neue Wachstumsmärkte zu erschliessen – und davon ausgeht, die Schulden mit seinem künftigen Cashflow eines Tages begleichen zu können.

Die Banken geben also freimütig Kredit, und der Privatsektor baut freudig Schulden auf – was das Wirtschaftswachstum erhöht und die Banken noch mehr dazu verleitet, Kredite zu vergeben. Dieses Spiel geht gut, solange die Zinsen tendenziell sinken, sich die Kosten für den Schuldendienst nicht abrupt erhöhen und solange die «Animal Spirits», die Risikofreude der Schuldner sowie der Gläubiger, intakt bleiben. Genau das ist in den Jahren von 1982 bis 2007 gelungen.

Nachdem im letzten Stadium der Blasenentwicklung dann sowohl Tilgung und Zinszahlungen unmöglich werden und die Kredite nur noch durch die erhofften Vermögenspreissteigerungen bedient werden können, kommt es unausweichlich zum Minsky Moment (3).

(Never Mind) 2007 begannen die Räder dieser gloriosen Maschine zu stocken, ein Jahr später standen sie still. Millionen von Schuldnern erwachten plötzlich und erkannten, dass sie zu hohe Verbindlichkeiten hatten, und Millionen von Gläubigern wurde bewusst, wie töricht sie in ihrer Kreditvergabe gewesen waren. Eine neue Ära begann: das grosse Deleveraging, der grosse Schuldenabbau.

Was können wir aus den Theorien eines Hyman Mynskis und seiner Schüler lernen? Was hilft uns bei der Überwindung der aktuellen Krise und was, um einer neuen vorzubeugen? Welche Rolle spielt dieser Ansatz bisher in Deutschland?

Hier muß man leider konstatieren, dass sich diesem Forschungsansatz nur wenige Ökonomen und Wirtschaftsblogger in Deutschland zuordnen lassen. Die größte Veränderung zur herkömmlichen Theorie wird in einer veränderten Sicht auf die bisher dominierenden Finanzmarktheorien deutlich. Man lässt hier den Glauben an effiziente Finanzmärkte hinter sich und versucht stattdessen Regelkreise zu beschreiben die in unserem heutigen Finanzsystem auf und abwärts wirksam werden können.

Postkeynsianer unterscheiden sich grundsätzlich vom Mainstream in ihrer Auffassung zur Frage, wie Geld in einer Wirtschaft eigentlich entsteht. Stark vereinfacht gesagt geht die neoklassische Lehre davon aus, dass Geld exogen, also ausserhalb des Finanzsystems entsteht, durch Handlungen der Zentralbank. Die Post-Keynesianer vertreten dagegen die These, Geld werde endogen, also innerhalb des Finanzsystems geschaffen.

Was tun, wenn bereits eine Krise eingetreten ist?

Wie kann der Westen die Krise überwinden – fragte Jean Uwe Heuser in einem lesenswerten Beitrag im letzten Jahr in der ZEIT (4) und stellte fest:

Es tobt ein Glaubenskrieg. Wie kommt man raus aus der Krise  -   mit noch mehr Geld, wie es Amerika will? Oder mit konsequentem Sparen, wie es die Euro-Staaten planen? Zwischen Politikern und Publizisten eskaliert der Streit.

Es ist das Ringen zweier Traditionen, man könnte auch sagen zweier Kirchen. Amerika will sich aus der Krise herauskaufen, nichts fürchtet es mehr als eine langjährige Flaute. Dafür  nimmt es  Inflation gerne in Kauf,  auch wenn sie den kleinen Mann einen Teil seines Wohlstands kosten könnte.

Deutschland dagegen will Inflationsgefahren eindämmen, und der Staat soll die Schulden nicht noch weiter in die Höhe treiben, weil das die Absturzgefahr in etwas fernerer Zukunft nur vergrößert. Ein Land kann sich demnach nicht aus der Krise herauskaufen, sondern sie durch immer neues Geld nur verzögern. Dauerhaft steigt der Wohlstand nur, wenn der Staat seine Finanzen in den Griff bekommt und ein Gefühl von Stabilität entsteht.

Seit 2008 tobt diese Debatte und wie in jedem Glaubenskrieg geht es nicht nur um die wahre Lehre. Es geht um Interessen und Institutionen. Ein Interesse an Regulierung besteht nur solange wie das ganze System gefährdet ist (siehe G-20), sobald sich das ganze wieder etwas stabilisiert hat, verzichtet die Partei auf weitere Regulierung, die einen Vorteil zu verlieren hat.

Ist die Krise eingetreten (ausgelöst durch den Minsky Moment), stehen grundsätzlich 3 Wege zu einer Reduzierug des Schuldenüberhangs zur Verfügung.

a) das schmerzliche und langwierige Tilgen

b) das streichen von Schulden

c) durch Inflationierung (Finanzielle Repression)

Mark Dittli (Chefredakteur der FuW) meinte letzte Woche bei einer Panel Diskussion:

Er kenne keinen geschichtlichen Fall, wo eine Austeritäts und Sparpolitk wirklich funktioniert hätte.  Sowohl 1931/33 als auch 2008/09 wäre durch eine aktive Geld/Fiskalpolitik der Return aus der Abwärtspirale (Balance Sheet Recession) erreicht worden. Dittli sagte weiter; das die Regierungsbehörden der USA zusammen mit der FED diesen Prozess eines gemeinsamen Einsatzes von geld- und fiskalpolitischen  Maßnahmen seit 2008 bisher am besten organisiert hätten.

Wo stehen wir im Krisenverlauf?

Die ZEIT hat zusammen mit einem Team um den österreichischen Ökonomen Karl Aiginger im Jahre 2012 einen Krisenverlaufsvergleich mit der Weltwirtschaftskrise begonnen.  Sie kommen am 03.08.2013 zu dem Schluss: Der Absturz in der Krise verlief zwar  deutlich milder als in den 30iger Jahren, jedoch erfolgt die Erholung mittlerweile langsamer als in der Weltwirtschaftskrise.(5)

Der Ökonom Paul Krugmann, der sich letztes Jahr im Internet einen vielbeachteten Schlagabtausch mit dem Mynskianer Steve Keen lieferte, meint in seiner neuesten Kolumne (6):

Wir leben in einem goldenen Zeitalter der Entlarvung ökonomischer Mythen. Die Doktrin der expansionistischen Austerität kippte, die Doktrin der Verschuldungsangst fiel in sich zusammen und der Behauptung der wirtschaftspolitischen Unsicherheit ist es jetzt genau so ergangen. In Wahrheit wissen wir genau, warum der Aufschwung so langsam ist, und Vertrauen hat überhaupt nichts damit zu tun. Was wir nämlich erleben, sind die normalen Auswirkungen einer schuldenfinanzierten Investitionsblase.

Ein weiterer wichtiger Beobachter ist Richard Koo (Nomura Research). Er hat den Prozess des Delaveraging (Schuldenabbau) in dem Begriff  “Balance Sheet Recession” neu definiert.

Der einzige Grund, weshalb Unternehmen ihre Schulden trotz niedrigster Zinsen zurückzahlen, ist, dass sie überschuldet sind. In einer Situation, wo sowohl private Haushalte als auch  Unternehmern entschulden, muss nach Koos Ansicht der Staat als Kreditnehmer einspringen, um den Sturz in die Depression zu verhindern. Doch dieser Fall kommt in den  Lehrbüchern der Ökonomen einfach nicht vor.

Die vorherrschende Lehre hatte nur die Verschuldung der Staaten im Blick, die private wurde vollständig ausgeblendet. Für Richard Koo hilft die bisher betriebene Geldpolitik der Zentralbanken bei der Krisenbewältigung nicht weiter. Nur eine aktive Fiskalpolitik des Staates führt in dieser Sondersituation zu einer Erholung.

Wenn man, wie die Postkeynsianer die Realwirtschaft und Finanzwirtschaft seperat betrachtet, stellt sich die Frage warum die Realwirtschaft in der jetzigen Situation nicht Kredite nachfragt. Oben hatten wir gelesen, das Banken in einem endogenen Geldsystem die Nachfrage in einer Wirtschaft nach Ihrem Willen anfeuern können. Aber ist die Realität nicht eine ganz andere?

Schauen wir uns einmal die Position von Steve Keen (ein Anhänger Mynskis) genauer an. Die Grafik stammt von S. Keen:

Die Grafik zeigt die Arbeitslosenrate in den USA (blaue Kurve, rechte Skala) seit 1990. Die rote Kurve zeigt die jährliche Veränderungsrate des ausstehenden Kreditvolumens (in Prozent des BIP, linke Skala). Der Korrelationskoeffizient der beiden Kurven beträgt gemäss Keen -0,92, das heisst, sie sind fast perfekt gegenläufig. Will heissen: Steigt das Kreditvolumen, sinkt die Arbeitslosenrate (was ein Indiz für kräftiges Wirtschaftswachstum ist). Sinkt das Kreditvolumen oder sackt es gar wie Ende 2008 zusammen, steigt die Arbeitslosenrate kräftig in die Höhe.

Wir wissen: Korrelation bedeutet nicht Kausalität. Aber eindrücklich ist das Bild allemal

Halten wir fest: Steve Keen arbeitet am Beweis für eine endogenens Geldsystem. Nach Meinung vieler Beobachter hat er die Argumente auf seiner Seite. Zum anderen stellen wir fest, dass trotz historisch tiefer Zinsen und einer beispiellosen Liquititätsflut, das Geld der Zentralbanken nicht in die Realwirtschaft  ankommt. Ein klares Indiz, das gegen die Annahme einer exogenen Geldschöpfung spricht.

Es ist die Stunde der Forscher um empirische Beweise für die verschiedenen Theorien zu erbringen. Neue Denkrichtungen haben die Chance, durch eine wirklichkeitsnähere Beschreibung der Realität zu überzeugen.

Viele Fragen von großer Tragweite bleiben

Wir haben einen gigantischen Schuldenüberhang, dieser ist seit Beginn der Krise erst zu einem geringen Teil abgebaut worden. Kann durch die aktuelle Politik der FED eine psychologische Wende über die Inflationierung der Vermögenswerte erreicht werden?  Eine Geld-und Vermögensillusion wieder hergestellt werden. Es sieht danach aus, das die privaten Haushalte in den USA wieder Kredite aufnehmen und den Entschuldungsprozess beendet haben.

Wann genau besteht tatsächlich nicht mehr die Gefahr eines Abgleitens in eine Deflationspirale? Und noch wichtiger, ist dieser historisch anomale hohe Schuldenstand aller Sektoren langfristig tragfähig? Rückblickend stellen wir fest, dass die Schulden zuerst im Privatsektor enstanden und dann zum Staat gewandert sind (Bankenrettung und Steuerausfälle durch die Rezession). Wie kann eine Gesundung durch eine Entschuldung organisiert werden? Wer soll dann die Lasten tragen? Welche Rolle kann die Zentralbank spielen, die ja keine Bank wie jede andere ist.

Nach Dirk Bezemer sind die Lasten in den Bilanzen der Banken “Faule Kredite” , die mit Vermögenswerten besichert wurden. Diese haben nach Ansicht der Postkeynsianer keine direkte Verbindung zur Realwirtschaft, so das in Frage gestellt werden darf, ob es bei einem “Bail In” (der Abwicklung von Banken durch Haftung von Eigentümern und Gläubigern) oder Schuldenschnitten tatsächlich zu einem Einbruch der Realwirtschaft kommen wird.

Doch an genau dieser Frage zuckt die Politik bisher zurück. Sie übernimmt bisher mehr oder weniger ungeprüft die Argumentation der Banken. Besonders hier wird eine zu große Nähe zwischen Politik und Finanzwelt deutlich. In seiner Dokumentation “Staatsgeheimnis Bankenrettung”(7) hat Harald Schumann die Frage der fehlenden Transparenz  bei den  bisherigen Bailouts,  als Gefahr für die Demokratie, eindrucksvoll herausgearbeitet.

Zugleich rücken mit der Verteilungsökonomie und Institutionenökomie die ungleiche Verteilung der Einkommen und Vermögen sowie die Rolle der Macht in den Fokus der Ökonomen. Beides Themen, die lange von den Ökonomen ignoriert worden sind. Um die Regelkreise vollständig erfassen zu können, müssen verschiedene Teildiziplinen der Ökonomie zusammengeführt werden.

Minskys Ansatz hat uns geholfen die Krise ex post besser zu verstehen. Es gab im Jahre 2008 eine wahre Wiedentdeckung seiner Thesen. Was von den Postkeynsianern noch zu leisten wäre sind wissenschaftliche Verfahren die uns eine konkrete Vorraussage von Finanzblasen ermöglichen würden. Hier gibt es vielversprechende Ansätze (8).

Sind die Zentralbanker mit Ihrem Latein am Ende?

Die Notenbanken außerhalb des Euroraums operieren mittlerweile weit außerhalb reiner Geldpolitik (für monetaristisch denkende Ökonomen ein Greuel). Die neue geldpolitische Strategie nennt sich “forward guidance” : Dabei erklären die Notenbanken, wie lange sie unter bestimmten Bedingungen die Leitzinsen auf ihrem augenblicklichen Niveau halten werden. Bei einigen Varianten werden auch ganz konkrete makroökonomische Zielgrößen definiert.  Ein weiteres Ziel ist es, dass Niveau und die Veränderung der gesamten Renditekurve zu beeinflussen. Niemand kann heute mit Sicherheit sagen wohin uns das führen wird.

Besonders Ben Bernanke ist zur Zeit ein Gefangener seiner begonnenen Politik. Dazu nochmal Mark Dittli: Bernanke hat sich selbst in eine Loose/Loose Situation gebracht, aus der es derzeit keinen Ausweg zu geben scheint. Stichwort Tapering! Geldpolitik kann nur die Zeit für die Politik kaufen, handeln jedoch müssen die Politker.

Die Nebenwirkungen der aktuellen Geldpolitik werden von vielen Seiten kritisch reflektiert. Jedoch aus vollkommen unterschiedlichen Motiven und Gründen. Monetaristen und Österreicher betonen die Inflationsgefahren. Austeritätsbefürworter sehen die Gefahr darin, dass die Bemühungen um Strukturreformen nachlassen.  Keynsianer betonen die Grenzen der Geldpolitik (9):

Die Notenbanker wollen die Wirtschaft durch Anreize zum Schuldenmachen wieder in Schwung bringen. Das aber ist nicht leicht, wenn für so wichtige Akteure wie den Staat oder überschuldete Haushalte das genaue Gegenteil Priorität hat. Die Situation ähnelt dem Sprichwort: Die Pferde werden zur Tränke geführt, aber sie saufen nicht.

Die Effizienz der Geldpolitik ist zurzeit nicht mehr das, was sie einmal war. Die Probleme hinsichtlich Wachstum und Beschäftigung lassen sich weniger durch noch niedrigere Zinsen als vielmehr durch Strukturpolitik und Finanzpolitik lösen. Wir tun so, als wollten wir genau dahin zurück, wo wir vor der Krise waren.

Am Ende stellt dich die Fragen: Wem nützt die aktuelle Politik?  Die Notenbanken wirken zunehmend wie ein Rück-Versicherer für die Risiken der Finanzmarktteilnehmer.  Demokratisch kann man diese Form der Steuerung von Gesellschaften jedenfalls nicht nennen. Vielmehr sind erhebliche Gefahren zu erkennen!

Welche Ökonomie wollen wir nach der Erholung?

Die Auseinandersetzung zwischen Austeritäts-Verfechtern und Keynesianern über die Herbeiführung einer nachhaltigen Erholung überschneidet sich mit einer anderen Fragestellung.  Welche Ökonomie wollen wir nach der Erholung? An diesem Punkt wird aus Ökonomie politische Ökonomie. Wer meint, in der Ökonomie vor der Krise war bis auf die verrückte Kreditvergabe der Banken alles in Ordnung, ist auch überzeugt, dass Bankenreformen reichen, um zukünftige Krisen zu vermeiden. Lord Skidelsky geht in seinem letzten Beitrag bei Project Syndicate noch weiter wenn er feststellt (10):

In Wahrheit zeitigt jede fiskalisch motivierte Politik zur Konjunkturbelebung mögliche reformistische Auswirkungen. Das ist auch der Grund, warum  die Verfechter der Austerität so dagegen sind und diejenigen, die Konjunkturbelebung zwar theoretisch für sinnvoll halten, auf deren ausschließlicher Umsetzung im Bereich der Geldpolitik beharren.

Eine Neuausrichtung des wirtschaftlichen Gleichgewichts von Energieverschwendung in Richtung Energiesparsamkeit – und vom privaten zum staatlichen Verbrauch – könnte das Ziel der Wirtschaftspolitik verändern. Die Maximierung des BIP-Wachstums wäre nicht mehr oberste Priorität. Vielmehr sollte es etwas sein, das wir als „Glück“ oder „Wohlergehen“ oder ein „gutes Leben“ bezeichnen.

Zu der Frage welche Ökonomie wir anstreben, gehört auch eine andere Frage: Welche Rolle spielt eine Zentralbank in einer demokratischen Verfasstheit? Die Unabhängikeit der Zentralbank ist kein Tabu mehr, die Debatte darüber, hat längst begonnen. In Europa kommt dann noch das Problem einer unzureichend konstruierten Währungsunion hinzu. Das jedoch, ist ein Thema für sich.

Das Spannungsverhältnis zwischen Märkten und Demokratie tritt deutlich zu Tage. Doch was ist die Antwort darauf? Man muss sicher nicht so weit gehen wie Jakob Augstein in seinem neuen Buch “Sabotage”. Darin fordert er:  Wir müssen uns entscheiden, zwischen Kapitalismus und Demokratie. Die beste Antwort darauf lautet immer noch: Wir wollen eine demokratiekonforme Marktwirtschaft und nicht eine marktkonforme Demokratie.

Quellen:

(1) http://www.fuw.ch/article/wie-spekulationsblasen-wachsen-und-platzen/

(2) http://blog.bazonline.ch/nevermindthemarkets/index.php/7483/die-grosse-illusion-2/

(3) http://blog.fuw.ch/nevermindthemarkets/index.php/13588/chinas-minsky-moment/

(4) http://www.zeit.de/2012/02/Europa-Amerika/komplettansicht

(5) http://www.zeit.de/wirtschaft/2013-07/krisenvergleich-grosse-depression

(6) http://www.nachdenkseiten.de/upload/pdf/130812_Krugman.pdf

(7) http://www.youtube.com/watch?v=mAlCqbod9Qc

(8) http://www.fuw.ch/article/das-experiment-der-eth/

(9) http://blog.zeit.de/herdentrieb/2013/08/13/die-geldpolitiker-sind-mit-ihrem-latein-am-ende_6365#more-6365

(10) http://www.project-syndicate.org/commentary/the-incompatibility-of-austerity-and-economic-reform-by-robert-skidelsky/german