Monats-Archive: November 2013

(Hinweis: Die nachfolgenden Ausführungen beziehen sich grundsätzlich auf eine gesamte Volkswirtschaft.)

Wie ist das eigentlich mit den Löhnen? Wie hoch sollten sie sein, bzw. wie stark sollten sie steigen?

Für die Löhne (und Gehälter) innerhalb einer Volkswirtschaft gilt grundsätzlich folgende Regel. Löhne sollen an der Produktivität einer Volkswirtschaft angepasst sein und sie sollen jährlich um die Inflationsrate zuzüglich des Produktivitätswachstums steigen (die Inflationsrate und das Produktivitätswachstum kann problemlos jährlich berechnet werden). Das bedeutet:

Jährliches Lohnsteigerung = Inflationsrate + Produktivitätswachstum

Dabei ist es wichtig zu verstehen, dass diese Steigerung für die Unternehmen kostenneutral ist, weil die Inflationsrate bei den Produkten eingepreist ist und durch die Erhöhung der Produktivität die Unternehmen bei gleichen Lohnkosten mehr Produkte herstellen können.

Die Unternehmen (in ihrer Gesamtheit) können mehr Produkte verkaufen, da ihre Konsumenten (die Lohnempfänger) mehr Einkommen zur Verfügung haben. Wir haben also bei Einhaltung dieser Regel immer eine Win-Win-Situation.

Wer hat bisher dafür gesorgt, dass diese Lohnregel innerhalb einer Volkswirtschaft eingehalten wird? Es waren die Gewerkschaften, die mit den Unternehmen regelmäßig (nicht unbedingt jährlich) die Steigerungen der Löhne verhandelt haben. Dies hat auch viele Jahrzehnte funktioniert.

Leider wurde zum Ende des letzten Jahrhunderts in Deutschland von dieser Lohnregel abgewichen. Man hat uns erzählt, dass der Arbeitsmarkt flexibilisiert werden müsse und die Produktivitätssteigerung nicht in die Lohnerhöhungen, sondern in die Absenkung der Arbeitslosigkeit einfließen solle. Begleitet wurde diese Idee von der „Agenda 2010“ der Regierung Schröder.

Offensichtlich hat dies nicht funktioniert. Die geleisteten Arbeitsstunden sind heute ungefähr genauso hoch wie im Jahr 2000. Die vorhandene Arbeit ist nur anders verteilt worden. Die sichtbaren Schwankungen haben auch nichts mit den Reformen zu tun. Sie sind einfach nur den konjunkturellen Veränderungen geschuldet.

Fakt ist aber auch: Die Löhne in Deutschland sind im letzten Jahrzehnt real gesunken und haben nur dafür gesorgt, dass die Unternehmen einen zusätzlichen (unverdienten) Gewinn erzielt haben.

Zusätzlich haben diese „Reformen“ auch dafür gesorgt, dass die Gewerkschaften deutlich entmachtet wurden. Dem Druck, der durch die Unternehmen und durch die Politik auf die Lohnempfänger und auf die Arbeitslosen ausgeübt wurde, können die Gewerkschaften zurzeit nichts entgegen setzen.

Was könnte man also tun?

Es ist völlig klar, dass die Produktivität nicht gleichmäßig in allen Branchen steigt. Ein Busfahrer hat logischerweise ein anderes Produktivitätswachstum als ein Facharbeiter eines Autoherstellers.

Wie wäre es, wenn die Gewerkschaften zukünftig nicht mehr mit den Unternehmen verhandeln, sondern einfach jährlich den Produktivitätszuwachs der gesamten Volkswirtschaft erfassen und dann untereinander klären, wie  dieses Wachstum auf die einzelnen Branchen aufgeteilt wird? Das Ergebnis dieser gewerkschaftsinternen „Verhandlungen“ wird dann den Unternehmen nur noch mitgeteilt und die haben dies dann umzusetzen. Die Politik sollte dies natürlich durch entsprechende Gesetze begleiten.

Wie oben ausgeführt hilft dies nicht nur den Lohnempfängern, sondern auch den Unternehmen.

Abschließend soll noch angemerkt werden, dass eine jährliche Lohnerhöhung nach der oben genannten Lohnregel auch die angeblichen Probleme der gesetzlichen Rentenversicherung lösen würde. Aber das wird in einem weiter führenden Artikel behandelt werden.

 

Im November 2012 fand das Herbstforum vom Wirtschaft- und Sozialwissenschaftlichen Institut (WSI) statt. Dort hielt Frau Prof. Dr. Brigitte Unger einen kurzen, aber inhaltlich voll beladenen, Vortrag, der  vor kurzem veröffentlicht wurde. In den  26 Minuten spricht sie zunächst davon, warum wir uns heute in einer Postdemokratie befinden. Sie beschreibt die Herrschaft von EuGH, Finanzmärkten, EU-Bürokraten, EZB und “Experten”. Danach geht sie auf Krisenursachen ein. Sie stellt die zu großen Finanzmärkte, die extremen Ungleichheiten der Vermögensverteilung, die steigende Arbeitslosigkeit, die Leistungsbilanzungleichgewichte, die sinkenden Lohnquoten, die Finanzspekulationen auf griechische Staatsanleihen, steigende Steuerhinterziehung und Steuervermeidung, steigende prekäre Beschäftigung und deren Folgen in Deutschland dar.

Am Schluss formuliert sie noch zwei zentrale Forderungen:

  • Abbau der krassen Ungleichgewichte
  • Rückkehr/Umgestaltung von der Postdemokratie zur Demokratie

Hier das Video, viel Spaß!

 

Ergänzend zu unserem Artikel über “Die Schuldenbremse” empfehlen wir diesen Vortrag.

Nikolaus Kowall referiert am Göttinger Institut für Demokratieforschung über die Mythen der aktuellen Krisendebatte und führt ein in die volkswirtschaftliche Analyse der Leistungsbilanz.
Mehr unter: http://kritischeoekonomie.wordpress.com/

Politiker und Wissenschaftler sind sich einig: Banken benötigen mehr Eigenkapital um in Zukunft Verluste ohne Steuergelder tragen zu können. Doch auf welchem Weg und in welcher Höhe Eigenkapital vorgeschrieben werden soll, darüber wird innerhalb der Basel III Umsetzung noch immer gestritten.

Bei der Diskussion geht es im Besonderenum zwei Größen, die risikogewichtete Eigenkapitalquote sowie die Leverage Ratio. Bei der ersteren Quote werden Aktiva nach ihrem Risikoprofil gewichtet, bei der zweiteren wird die gesamte Bilanzsumme in das Verhältnis zum Eigenkapital gesetzt. Da die Risikogewichtung komplex und die Umgehungsmöglichkeiten für Banken hoch sind, sehen viele Kritiker die zusätzliche Erfordernis einer Leverage Ratio, wie sie beispielsweise in Kanada Tradition hat und neuerdings auch in der Schweiz Anwendung findet. Um den Unterschied der Quoten zu verdeutlichen: Wenn bei deutschen Großbanken von einer Kernkapitalquote von 7 Prozent die Rede ist wird die risikogewichtete Ratio gemeint, hingegenbeträgt die Leverage Ratio lediglich 1,9 Prozent(Stand Dezember 2012). Um zukünftige Krisen abfedern zu können sieht Basel III bis 2018 eine Leverage Ratio von 3 Prozent vor, manche Notenbanker und Ökonomen gehen aber wesentlich weiter: z.B. fordern Thomas Hoenig (FDIC), Daniel Tarullo (FED) und Mervyn King (BoE) eine Leverage Ratio von über 6 Prozent, Martin Hellwig (Max-Planck) kann sich sogar eine wirkliche Eigenkapitalquote von 20-30 Prozent vorstellen. Gerade aber aus kontinentaleuropäischen Regierungskreisen wird eine solche Höhe abgelehnt.

Ich möchte nun nicht erörtern, welche Art und Höhe an Eigenkapital erforderlich ist, sondern einen alternativen Ansatz aufzeigen, wie man höhere Quoten erreichen kann.
Der bisherige Plan, höhere Eigenkapitalvorschriften zu erreichen sieht wie folgt aus: Über einen langen Zeitraum bis 2019 sollen Banken über Ausgabe von Aktien oder die Einbehaltung von Gewinnen ihr Eigenkapital stärken, was jedoch zulasten der Dividenden geht. Mögliche negative Effekte sind hierbei nicht auszuschließen. Der Bankensektor hat nämlich die Möglichkeit durch Schrumpfung seiner Bankbilanz die Equity Ratio zu verbessern. Wenn hierbei das Kreditgeschäft an realwirtschaftliche Unternehmen zurückgefahren wird, kann das Wachstum der Realwirtschaft darunter leiden. Studien des internationalen Währungsfonds (IMF) oder der Bank für internationalen Zahlungsausgleich (BIS) bestätigen dies, wenn auch nur in geringem Maße.

Um diesen negativen Effekt abzuferdern wäre ein großflächiger Bail-in im Bankensektor denkbar, eine Leverage Ratio von 20% oder 30% durchaus möglich. Bail-In bedeutet, dass Banken mithilfe Ihrer Gläubiger rekapitalisiert werden, ohne dass Steuerzahler dafür aufkommen müssen. Fremdkapital können Anleihen oder Einlagen darstellen, welche ab einem Freibetrag von beispielsweise 100.000€ zu einem gewissen Prozentsatz in Aktien umgetauscht werden. Auch werden die ehemaligen Inhaber von Fremdkapital und nun neuen Aktionäre nur dann Verluste erleiden, wenn auf der Aktivseite des Instituts auch wirklich Forderungen oder Vermögenswerte abgeschrieben werden müssen. Denn nach dem Modigliani-Miller-Theorem sind die Finanzierungskosten eines Unternehmens unabhängig von der Kapitalstruktur. Wird eine Anleihe in Eigenkapital gewandelt, verändert sich nur das Risiko und die Verteilung der Erträge, in Summe ist dies jedoch neutral. (Vorrausgesetzt Eigenkapital wird gegenüber Fremdkapital nicht steuerlich diskriminiert, was momentan der Fall ist, daher änderungsbedürftig) Bei der Ausgestaltung des Freibetrages müsste man sich die Situation im Detail ansehen. Da mittlere und große Unternehmen oft sieben- oder achtstellige Summen als Giroguthaben (für realwirtschaftliche Transaktionen) halten, würde ein Freibetrag von nur 100.000€ zu Liquditätsschwierigkeiten führen. Dies könnte man durch eine Kreditierung seitens der Bank nach der Umwandlung der Einlage in Eigenkapital entschärfen. Somit bleibt die Zahlungsfähigkeit gewährleistet.

Noch aus einem weiteren Grund wäre ein solcher Bail-In vorteilhaft. Durch den Fall Zypern, bei dem erstmals in der Eurozone ein singulärerDebt-Equity Swap prominent erfolgt war, wird dieses Konzeptauf europäische Ebene als ein Instrument mit weiterem Potential gesehen. Auf dem EU Gipfel im Juli haben die Mitgliedsländer bekräftigt einen einheitlichen Abwicklungsmechanismus zu beschließen. Die momentanen Verhandlungen im Gesetzgebungsverfahren zeigen jedoch noch viele Unstimmigkeiten, beispielsweise das Beharren mancher Länder auf Veto-Rechte und andere Sonderwünsche. Zudem hat Finance Watch in Brüssel in einer aktuellen Studie dargelegt, dass mit einem einzelnen Bail-In innerhalb der jetzigen Bankenlandschaft weiterhin große Risiken für die Systemstabilität bestehen. Wenn beispielsweise die Deutsche Bank mit einer Bilanzsumme von 2 Billionen ins Trudeln kommt, kann es schnell in einen Dominoeffekt münden. Also würde ein Bail-In in der Realität in einer Krisensituation nicht angewandt werden, da kein Politiker dieses Risiko eingehen möchte. Um dies zu verhindern, fordern viele Bankenkritiker eine Verkleinerung von Banken, was meiner Meinung nach nicht wirklich weiterhilft, da die Risiken dann nur auf viele kleine Institute verteilt sind. Die Verflechtung wird jedoch weiterhin bestehen. Das zyprische Modell ist ergo nur dann möglich, wenn die Gläubigerbeteiligung bei Banken mit geringer Verflechtung und Volumen durchgeführt wird. Solange die Eigenkapitaldecke also weiterhin sehr gering ist, wird ein Bail-Out systemrelevanter Banken mit Steuergeldern weiterhin nötig sein, auch wenn deutsche Regierungspolitiker im Wahlkampf anderes behaupteten.
Genau hier würde der oben beschriebene großflächige Bail-In ansetzen, da systemrelevante Banken nun ausreichendes Eigenkapital vorweisen würden um größere Abschreibungen verkraften zu können. Wenn zukünftige Regierungspolitiker wie Markus Söder ihr Ziel durchsetzen möchten, keine Steuergelder für Banken mehr aufwenden zu müssen, wird man unorthodoxe Lösungen nicht ausschließen können.

Mit diesem Beitrag möchte ich einensolchen Debt-Equity Swap im Bankensektor nicht als das “einzig Wahre” vermitteln, sondern zeigen, dass unkonventionelle Konzepte gefragt sind wenn der Steuerzahler bei zukünftigen Bankenrettungen außen vor bleiben soll. In der Krisenentwicklung der letzten 5 Jahre habe ich zu oft den Satz gehört, “geht nicht, gibts nicht”. Krisen zeigen aberoft, dass das was zuvor für viele als undenkbar erschien, dann doch Realität werden kann. Angefangen bei dem Bruch der”No-Bail Out” Klausel in Griechenland, über die enorme Ausdehnung des Mandats der europäischen Zentralbank, bis hin zum zyprische Bail-In.

Zuletzt möchte ich noch erwähnen, dass der Weg eines Bail-Outs mit anschließender Schuldentilgung über Vermögensabgaben nicht verkehrt ist. Damit priorisiert man zuvorderst soziale Gerechtigkeit, jedoch zulasten der Haftungsfrage. Doch der Weg, der die letzten 5 jahre gegangen wurde, nämlich Bail-Out ohne anschließender Beteiligung der Krisengewinner ist völlig verkehrt. Schon paradox, dass bei der momentan kritischen Vermögenskonzentration und der damit einher gehenden steigenden öffentlichen und privaten Verschuldung Wahlen mit geplanten Steuererhöhungen verloren werden. Sind es doch gerade konservativ-liberale Institutionen wie der internationale Währungsfonds oder die Boston Consulting Group die neuerdings diese Entwicklung ankreiden und Vermögensabgaben als gangbaren Weg erachten. Ein gewisses Umdenken findet also statt, wenn auch nur langsam.