Monats-Archive: Juli 2014

(von Wicksell zur modernern Makroökonomie, September 2012)

Adair Turner Part 1 – Money, Credit and Prices: From Wicksell to Modern Macro-Economics (Youtube)

Vortragstranskription (Auszüge)
Adair Turner, INET

Geld-Schöpfung aus dem Nichts?

 

Es passt gut zum Kontext meines Vortrags, dass ich ihn von China aus halte, wo die Gefahren einer akuten Kreditblase das Land in eine Krise zu führen drohen. Aber es ist auch angemessen, ihn in Schweden zu halten, an der School of Economics in Stockholm, dann hier lehrte und forschte Knut Wicksell. Wicksell lebte zu einer Zeit, in der die meisten Zahlungen schon nicht mehr nur mittels Noten und Münzen abgewickelt wurden, sondern auf Basis von Krediten, und er setzte sich mit der Frage auseinander, was die Konsequenzen daraus wären, wenn Zahlungen nur noch über Kredite anstelle von Münzen und Banknoten realisiert würden. Zunächst betrachtete er “einfache” Kreditsysteme, wo eine Krediterzeugung lediglich auf einer bilateralen Verabredungen zweier Akteure basierte. Das allein würde schon zusätzliche Kaufkraft erzeugen, wie es in einem reinen Metallgeldsystem nicht zu bewerkstelligen wäre. Wenn man darüber hinausgeht und anfängt, ein System für Kredite zu organisieren, womit er ein kommerzielles Bankensystem meinte, mit Giralgeld (deposit money) als fundamentalem Zahlungmittel, dann, so bekräftigte er, erzeuge das definitiv Kaufkraft aus dem Nichts – ‘ex nihilo’.

Manchmal wird gesagt, dass die Banken die Einlagen der Haushalte entgegennehmen und diese dann an Unternehmen und Unternehmer verleihen. Ich denke, das ist eine schlechte Beschreibung dessen, was Banken tun. Wir müssen als Grundlage anerkennen, dass, wie Wicksell behauptet, Banken sowohl das Darlehen an einen Unternehmer kreieren wie auch das Geld auf dessen Konto. Das erzeugt Kaufkraft! Diese Tatsache hängt entscheidend von der Fristentransformation ab, also dem Umstand, dass das Darlehen (loan) einen längeren Tender hat, als das Guthaben (deposit).

 

Was beschränkt Kreditschöpfung?

 

Auch Wicksell kommt dann zur entscheidenden Frage: Wenn Kreditschöpfung Kaufkraft schafft, was beschränkt dann diese Kreditschöpfung eigentlich? Oder haben wir etwa das Problem, dass diese unbegrenzt anwächst und damit Hyperinflation verursacht? Was soll nun also diese Kreditschöpfung auf freie Weise begrenzen, bevor wir die Idee einer Autorität einführen, welche derartige Grenzen zu setzen vermag?

Seiner Annahme zufolge, würden Banken aus freiem Eigeninteresse dazu neigen, Reserven zu halten – Bargeldreserven oder Zentralbankreserven – und die Tatsache, dass sie Reserven im Umfang eines bestimmten Prozentsatzes ihrer Bilanz halten, begrenzt ihre Kredit- und Geldschöpfung.

Dann nennt Wicksell aber drei Umstände, unter welchen sich der Grad dieser Beschränkungen verändern kann. Zunächst, je mehr über das Giralgeldsystem abgewickelt wird, und nicht im Bargeldsystem, desto weniger benötigt das Banksystem, als Ganzes betrachtet, wirklich noch Reserven, weil die einzelne Bank sich nicht darum sorgen braucht, dass die Leute plötzlich dazu übergingen sehr viel Bargeld, in Form von Scheinen und Münzen, aus dem Bankensystem abzuziehen.

Zweitens stellte er die Frage, was geschehe, wenn das Bankensystem aus lediglich einer einzigen Bank bestünde, anstatt vieler in Wettbewerb zueinander stehenden Banken. Das führte m.E. zu einer entscheidenden Erkenntnis, dass man in einem solchen System sicher sein konnte, dass das Geld, das der Unternehmer in Form von Kredit erhält und ausgibt zwar sein Konto verlässt, aber mit Sicherheit auf einem Konto von Jemandem bei derselben Bank landet. Je mehr das Bankensystem also als eine einzige, anstatt vieler Banken organisiert ist, desto weniger Beschränkungen wird es unterliegen.

Drittens bemerkte er, dass zumindest seinerzeit, internationale Zahlungen nicht auf reinem Kreditverkehr beruhten. Es wurden tatsächliche Edelmedalle, Goldbarren, bewegt, oder zumindest Forderungen auf ebendiese Edelmetalle. Und dieser metallische Anker würde gewissermaßen Kreditschöpfung zusätzlich beschränken, anders als das der Fall wäre, wenn die Volkswirtschaft komplett geschlossen wäre oder aber, wenn die gesamte Weltwirtschaft ihre Zahlungen über ein Kreditsystem abwickeln würde.

Ich werde später erläutern, inwiefern sich diese drei Beschränkungen tatsächlich während der letzten 100 Jahre verändert haben und so dem Kreditzyklus immer weniger Grenzen setzen konnten.

Preisstabilität oder aggregiertes nominelles Nachfragewachstum

 

Wicksells grundlegende Erkenntnis ist, dass Banken Kredite, und damit Kaufkraft, erzeugen. Seines Erachtens wäre eine Kontrolle darüber gegeben, wenn eine Zentralbank sicherstellen würden, dass der Geldzins nahe dem Kapitalzins liegt, welcher im wesentlichen der Grenzproduktivität der Kapitals entspricht. Bei seiner Beschreibung trifft er jedoch zwei, wie ich denke, einschänkende Annahmen. Die eine, dass der gesamte neue Kredit an Unternehmer vergeben werde, welche damit reelle physikalische Investitionen tätigten – das sollte sich als inkorrekt herausstellen. Außerdem nimmt er an, dass das fundamentale Problem der Geld-/Kreditschöpfung die Inflationen, bzw. die Preisstabilität ist. Das ist eine sehr stark einschränkende Annahme, die jedoch die meisten modernen Ökonomen und Vorkrisen-Zentralbank-Orthodoxe übernommen haben.

Bevor wir weiter in die Analyse gehen, wollen wir uns zunächst einen kurzen Überblick über die Alternativen zu einem reinen Kreditgeldsystem verschaffen. Da wären Edelmedall-/Goldgeldsysteme deren Beschränkung in der fehlenden Abwärtsflexibilität von Löhnen und Preisen besteht. Aufgrund der absoluten Knappheit ihrer Resource Edelmetall ist es unmöglich, zusätzlich nominelle Nachfrage zu schaffen, und es herrscht ziemliche Übereinstimmung unter Ökonomen, dass Wirtschaftswachstum, wie wir es im 19ten und 20sten Jhdt. kennengelernt haben, unter diesen Umständen nicht möglich gewesen wären. Eine Alternative besteht im Fiatgeldsystem, in welchem der Staat diese Funktion übernimmt, indem er aggregiertes Wachstum der nominellen Nachfrage durch ein ungedecktes Haushaltsdefizit finanziert.

… weiter zu Teil 2