Thomas Weiß

Nach der erfolgreichen Diskussionsrunde mit Jörg Buschbeck letzte Woche wird diesen Dienstag, 28.1. um 20:00 Uhr im Mumble-Raum der AG Geldordnung und Finanzpolitik ein Themenabend zur Analyse und Reformagenda des Hyman Minsky stattfinden. Im Gegensatz zur neoklassischen Theorie, nach der eine freie Marktwirtschaft zu einem Gleichgewicht tendiert, enthält der Kapitalismus nach Minsky inhärent destabilisierende Kräfte. Im Kaminzimmer-Gespräch werden zunächst die theoretischen Überlegungen erörtert und anschließend die Probleme und Chancen der Lösungsvorschläge untersucht.

Als Grundlage dient Minskys Werk “Stabilizing an unstable economy”, das in diesem Wikiartikel zusammengefasst ist. Wer schon im Voraus Fragen oder Kommentare hat, darf diese im Diskussions-Pad darlegen.

Zur Einstimmung hier ein paar Zitate:

Thus, while admiring the properties of free markets we must accept that the domain of effective and desirable free markets is restricted.

Paradoxically, capitalism is flawed precisely because it cannot readily assimilate production processes that use large-scale capital assets.

If a lender of last resort agrees to pick up the pieces in case of a problem, it has a right and a responsibility to control and prevent business practices that tend either to create or to worsen financial crises.

Ein Schlagwort, das derzeit geradezu inflationär verwendet wird, insbesondere von unserer Kanzlerin, ist die Wettbewerbsfähigkeit. Dahinter verbirgt sich die in den letzten Jahren u.a. in Deutschland gefahrene wirtschaftsliberale, unternehmensfreundliche Politik. Deren Reformen, wie die Senkung der Körperschaftssteuer und die komplette Hartz IV Gesetzgebung, begünstigen vor allem die Profite der Unternehmen. Die unausgesprochene Implikation dahinter ist, dass zu erwartende Gewinne die Unternehmen zu Investitionen motivieren, die dann in der Folge Beschäftigung und Wohlstand für die Bevölkerung schaffen. Dieser Zusammenhang scheint so naheliegend, dass er selten hinterfragt wird.

Tatsächlich ist er jedoch seit einiger Zeit immer weniger gegeben. Die folgende Grafik zeigt deutlich, dass besagte Reformen in der Tat die Unternehmensprofite in die Höhe getrieben haben. Die Investitionen hingegen waren sogar leicht niedriger als in den 90er Jahren. Wie kann man sich das erklären, und v.a. welche Konsequenzen muss man daraus ziehen?

Quelle: flassbeck-economics.de

Zunächst ist nachvollziehbar, dass Unternehmen ihre Produktion nur dann ausweiten, wenn sie die zusätzlichen Produkte auch absetzen werden können. Dazu muss eine entsprechende Nachfrage vorhanden sein. Leider wurde in Deutschland durch die Ermöglichung eines Niedriglohnsektors und allgemeiner Lohnzurückhaltung gerade die Binnennachfrage stark gemindert. Der Mindestlohn und generelle Lohnerhöhungen für Mittel- und Geringverdiener, aber auch ein Grundeinkommen, können hier helfen, dass Unternehmensgewinne wieder sinnvoll verwendet werden.

Die Ursachen sind aber noch vielschichtiger. Eine fundamentale universell gültige Gleichung der Volkswirtschaft ist:

Unternehmensgewinne = Investitionen plus Unternehmerkonsum minus Geldvermögensbildung der Nichtunternehmer

wobei unter Nichtunernehmer auch der Staat und das Ausland fallen. Wichtig ist hier, zu erkennen, dass die Investitionen der einzige Teil der Gleichung sind, denen auch ein realwirtschaftlicher Mehrwert, also ein Sachvermögenszuwachs entspricht. Fallen die Investitionen deutlich hinter den Gewinnen zurück so liegt das an einer Netto-Verschuldung der Nichtunternehmer. In Deutschland hat diese Rolle zum großen Teil das Ausland übernommen, was man am enormen Exportüberschuss sieht. International waren dies teilweise Staaten, aber auch Privatleute, wie in der amerikanischen Immobilienblase.

Aus diesem Blickwinkel kann man auch die internationale Deregulierung der Finanzmärkte verstehen. Die Verbriefung und der Handel von Krediten jeder Art ermöglichte einen starken Anstieg der privaten Verschuldung. Diese Verschuldung erlaubte es den Unternehmen Gewinne einzufahren ohne ihre realen Investitionen zu erhöhen. Hinter diesen Gewinnen stehen zunehmend Geldvermögenszuwächse durch Neuverschuldung anstelle von Sachvermögenszuwachs durch reale Wertschöpfung. Um also den sinnvollen Mechanismus zwischen Profiten und Investitionen wiederherzustellen, ist es an der Zeit endlich das Finanzcasino zu schließen.


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Im Rahmen unserer Reihe “Populäre Irrtümer” soll hier als Fortführung des Artikels Geschäftsbanken verleihen Zentralbankgeld die Behauptung „Banken benötigen Spareinlagen um Kredite zu vergeben“ als falsch entlarvt werden.

In der gängigen Meinung funktionieren Geschäftsbanken als reine finanzielle Vermittler, während die Erzeugung von Geld (Geldschöpfung) alleine der Zentralbank zukommt. Tatsächlich ist unser Geldsystem ein Hybrid aus öffentlicher und privater Struktur, in dem ein maßgeblicher Teil der Geldschöpfung bei den Geschäftsbanken liegt. In einer für jedermann verständlichen Veröffentlichung der Bundesbank ist zu lesen:

“Geschäftsbanken schaffen Geld durch Kreditvergabe.”

Benötigt also ein Unternehmen einen Kredit für eine Neuinvestition, kann die Bank diesen immer gewähren, da dieses Geld eben durch Bilanzverlängerung neu entsteht (siehe auch hier und hier). Da ein Ausfall dieses Kredits der Bank einen Verlust beschert, wird sie vorher im eigenen Interesse die Zahlungsfähigkeit des Schuldners prüfen und gegebenenfalls Sicherheiten verlangen. Ansonsten muss sie nur die Mindestreserve- und Eigenkapitalanforderungen einhalten. Die Mindestreserve gibt an, wie viel Zentralbankgeld eine Bank im Verhältnis zur Gesamthöhe ihrer Kundenguthaben vorhalten muss. Hat eine Bank so viel Giralgeld erzeugt, dass ihr Bestand an Zentralbankgeld zu niedrig ist, muss sie sich dieses neu besorgen. Neues Zentralbankgeld kann sich die Bank aber u. a. über Pensionsgeschäfte zum Leitzins (Hauptrefinanzierungssatz) von der Zentralbank beschaffen. Zusätzlich gilt laut Bundesbank:

“Die als Mindestreserve gehaltenen Einlagen werden vom Eurosystem verzinst, und zwar zum durchschnittlichen Zinssatz der Hauptrefinanzierungsgeschäfte. Die Geschäftsbanken haben somit durch die Mindestreservepflicht praktisch keinen Zins- und Wettbewerbsnachteil gegenüber Banken außerhalb des Euro-Währungsgebiets, die keine Mindestreserve unterhalten müssen.”

Die Mindestreserve ist also für die Banken kostenneutral und beschränkt die Geldschöpfung de facto nicht. Damit bleibt als einschränkender Faktor nur die Eigenkapitalanforderung. Der Vorgang des Sparens bewirkt jedoch keine Veränderung des Eigenkapitals der Bank. Die Möglichkeit einer Kreditvergabe ist somit von Sparaktivitäten unabhängig. Um der Vollständigkeit willen sei hier allerdings darauf hingewiesen, dass Sparen für Banken nicht generell irrelevant ist; eine genauere Ausführung dazu findet sich hier.

Man sieht also, dass erhöhtes Sparen die Kreditvergabe für Investitionen nicht begünstig. Eine volkswirtschaftliche Kausalität gibt es stattdessen in der anderen Richtung: Investitionen wirken sich tendenziell positiv auf Einkommen und Profite und deswegen auch tendenziell positiv auf Sparen aus.

Dagegen geht eine erhöhte Sparneigung in der Regel mit reduziertem Konsum einher, sodass Verkäufer deutlich geringere Einnahmeströme sehen. In der Folge werden sich Unternehmen die Frage stellen, ob sich Investitionen überhaupt noch lohnen, wenn weniger verkauft werden kann – und Familien werden sich die Frage stellen, ob in Zeiten großer Unsicherheit am Arbeitsmarkt ein Hausbau wirklich das Richtige ist. Demnach wirkt sich verstärktes Sparen letztlich sogar negativ auf Investitionen und damit auf die Möglichkeit der Kreditvergabe durch die Geschäftsbanken aus.

Man kann nun versuchen, die Verbindung zwischen Sparen und Kreditvergabe wiederherzustellen, indem man die Mindestreserve auf 100% erhöht, wie es Befürworter des Vollgelds fordern. Oder aber man begrüßt die Möglichkeit, die Realwirtschaft jederzeit in gewünschter Höhe finanzieren zu können, und stellt das derzeitige Hybridsystem konsequent auf ein endogenes um. Dabei muss nur sichergestellt werden, dass die Kreditvergabe auch sinnvollen Zwecken dient, wie es etwa dieser Antrag fordert.