Es ist erfreulich zu sehen, dass sich Jens Berger von den Nachdenkseiten dem Thema der Geldschöpfung gewidmet hat. Die sachliche und kritische Debatte über dieses Thema ist auch im Sinne der AG Geldordnung und Finanzpolitik, um eine bestmögliche  Wissensbildung voranzutreiben.

In diesem Artikel möchte ich auf einige Punkte des grundsätzlich guten Videobeitrags eingehen:
Er hat Recht [Minute 2:00 bis 4:00], dass die Quellen im Internet mit viel Halbwissen durchsetzt sind und somit Probleme und Verwirrungen in der korrekten Vermittlung des Themas entstehen. Dafür haben wir ebenfalls ein eigenes Video eines Vortrages über die Geldschöpfung von Tobias Deiters (@PiratosMuc) bereit gestellt. Oder auch einen Beitrag in unserem Wiki veröffentlicht.

Jens Berger stellt zunächst die Kreditvergabe in der weit verbreiteten Sichweise dar. Dabei wird leider fälschlicherweise angenommenen, dass der Sparer für eine Kreditvergabe benötigt wird [Minute 4:30 bis 6:30]. Bei diesem System handelt es sich “quasi” um eine Form von Vollgeld (Anmerkung: Vollgeld soll hier nur bedeuten, dass es nur eine Stufe/Ausprägung von Geld gibt, also keine Unterscheidung zwischen Zentralbankgeld und Geschäftsbankengiralgeld). Die dabei auftretenden Gefahren durch eine Deflation sind durchaus korrekt und auch die Erkenntnis, dass eine Geldmengensteuerung notwendig erscheint [Minute 6:30-7:30]. Beides könnte jedoch auch in einem “Vollgeldsystem” vernünftig geregelt werden. Seine darauf folgende Erklärung der heutigen Geldschöpfung durch Geschäftsbanken ist also keineswegs für ein funktionierendes Geldsystem zwingend notwendig, aber durchaus sinnvoll.

Ab Minute 7:50 sagt er, dass “Geschäftsbanken mehr Kredite vergeben können, als sie Spareinlagen haben”. Diese Aussage impliziert immer noch ein Bargeldweltbild, das heute nicht mehr zutreffend erscheint, denn Bargeld spielt im Vergleich zum Giralgeld eine untergeordnete Rolle. So gut wie niemand wird sein gesamtes Geld stets in bar lagern oder mit sich herumtragen, daher können Geschäftsbanken nicht nur mehr Kredite vergeben als sie Spareinlagen haben,  die Kreditvergabe/Geldschöpfung ist sogar gänzlich unabhängig, also auch ohne Spareinlagen durchführbar. Die Refinanzierung der Mindestreserve kann längst ohne Sparer erfolgen. Es macht für die einzelne Geschäftsbank, in der Praxis der Kreditvergabe, keinen direkten Unterschied, ob nun der Kunde sein Geld als längerfristige Spareinlage oder als kurzfristiges Sichtguthaben bei der Geschäftsbank führt. Es gibt aber auch plausible Gründe dafür, warum Geschäftsbanken Guthabenzinsen anbieten, auf Details möchte ich an dieser Stelle nicht eingehen.

Die Erklärung der Mindestreserve ab 8:30 enthält ein weiteres Missverständnis. Die Geschäftsbanken zahlen keinesfalls Spareinlagen (von Kunden/Nichtbanken) auf ihr Konto bei der Zentralbank ein, um die Mindestreserve zu erhalten. Die Unterscheidung von Zentralbankgeld, auf Konten der Geschäftsbanken bei der Zentralbank und als Bargeld für Jeden, und Geschäftsbankengiralgeld, auf den Konten der Nichtbanken bei den Geschäftsbanken, muss dringend beachtet werden. Die Mindestreserve muss in Zentralbankgeld gehalten werden. Ein Zufluss von Zentralbankgeld kann durch Nichtbanken nur direkt mit einer Bargeldeinzahlung erfolgen, spielt aber in dieser Form so gut wie keine Rolle für den Erhalt der Mindestreserve, da der mögliche positive Saldo von Ein- und Auszahlungen normalerweise ein zu geringes Volumen aufweist. Bei Überweisungen von einer fremden Geschäftsbank zu einem Konto einer anderen Geschäftsbank wird in den seltensten Fällen zusätzlich Zentralbankgeld bewegt. Die tatsächliche Beschaffung von Zentralbankgeld, zum Beispiel für die Mindestreserve, findet nur über die Zentralbank in deren Offenmarktgeschäften statt.

Jens Bergers Ausführungen ab 9:20 bis 14:20 sind nur zu begrüßen. Ich möchte vor allem noch einmal betonen, dass nach der Geldschöpfung für die Geschäftsbank Kosten entstehen, sobald das neu geschöpfte Giralgeld das Hoheitsgebiet der Geschäftsbank verlässt oder bei der Geschäftsbank verzinst angelegt wird. Außerdem verschwindet das Geld bei Kreditrückzahlung wieder. Dies verdeutlicht auch die Problematik der Forderung, dass die Staaten alle Schulden zurückzahlen sollen. Wenn dadurch in gleichem Maß Geldvermögen verschwinden müssen, bei “wem” soll dies denn geschehen?

Die Erläuterungen der Nachteile dieses heutigen Systems ab 14:50 sind ebenfalls sehr gut und beinhalten Argumente der Kritiker an der derzeitigen Geschäftsbankengeldschöpfung:
1. Nicht wie theoretisch angedacht über den Leitzins steuerbar
2. Prozyklische Wirkung und damit Verstärkung der Konjunkturzyklen
3. Macht der Geschäftsbanken für Spekulationen durch Eigenhandel

Herr Berger hat auch Recht, dass das Geldschöpfungssystem prinzipiell nicht in Frage gestellt werden muss, um diese Fehler zu beheben. Der 3. Punkt wird von Piraten aktiv mit der Forderung im aktuellen Antrag zur Finanzmarktregulierung angegangen, um den Eigenhandel zu untersagen. Auch durch das Gespräch mit Prof. Dr. Richard Werner wissen wir um die Möglichkeiten der Kreditlenkung. Das bedeutet u. a. die Vorgabe und Kontrolle, dass Geschäftsbanken Kredite nur für realwirtschaftliche Investitionen vergeben sollten, um Blasenbildungen und Inflation zu vermindern und einen stabileren Konjunkturzyklus zu erhalten. Natürlich müssen dafür auch die derzeitigen Dogmen der Staatsfinanzierung überdacht und über die Vermögensverteilung gesprochen werden.

Auch mit der erwähnten Zinskritik am Endes des Videos [Minute 19:20] hat sich die AG Geldordnung und Finanzpolitik schon beschäftigt und zumindest die These “des fehlenden Zinses” widerlegt.

Ich hoffe, dass sich immer mehr Menschen dank dieser Videos und Beiträge ermutigt fühlen, frei von den vorherrschenden Dogmen der Ökonomie zu denken und mögliche Falschdarstellungen im Internet kritisch zu hinterfragen. Eine sachliche und kritische Debatte auf breiter öffentlicher Basis muss folgen.

4 Antworten auf Kommentar zum Video der NachDenkSeiten über die Geldschöpfung

  • Sahar sagt:

    Herr Berger hat seine Informationen also relativ kurzfristig aus dem Internet, weil er sich mit dem Thema auch noch nicht so tiefgründig auseinandergesetzt hat. Da war zwar offiziell nicht viel zu finden, aber er kann uns nun vertrauenswürdige Qellen liefern und weiss bestens Bescheid. Somit hat er das Recht, andere oder ähnliche Beiträge, vor allem auf Youtube, als Finanzesoterik und Hanebüchen zu betiteln, selbstverständlich mit einem künstlich wirkenden, abfälligen Lachen (Untertöne?). Das schafft sofort Vertrauen. Oder? Dank dem Nachdenkseitenbeitrag von Herrn Berger haben wir nun wenigstens EIN Lehrvideo, dass man auch mal in der Schule präsentieren kann. Vielen Dank!

    http://www.youtube.com/watch?v=qgSntQ9CjnA&feature=youtu.be

  • Timo Ollech sagt:

    “Die These des fehlenden Zinses widerlegt”? Das wundert mich doch sehr. Was da im Wiki steht, ist zu kurz gedacht: Der Zins fehlt natürlich nicht in jedem Einzelfall, aber da nur die Zentralbank neues Geld emittieren kann und nur Geschäftsbanken neue Geldforderungen buchen können, fehlt im Gesamtsystem durchaus immer der für den Zins benötigte Betrag. Denn weder der einzelne Schuldner noch Angestellte noch Kunden noch sonst irgend eine Nichtbank können Geld bzw. Geldforderungen schaffen. Das können nur Banken respektive die Zentralbank, und die können das auch nur im Rahmen zusätzlicher Verschuldung. Siehe dazu DAS ist unser heutiges Kredit und Kreditgeldsystem (in 59 Punkten) von Paul C. Martin.

    • Wischer sagt:

      Hallo Timo,
      unsere Betrachtung zum “fehlenden Zins” bezieht sich auch auf das Gesamtsystem. Es stellt kein Problem dar, dass im Gesamtsystem insgesamt der Zins fehlt. Im Gesamtsystem ist es nämlich auch so, dass niemals alle Zinsen in kompletter Höhe zum gleichen Zeitpunkt gezahlt werden müssen. Eine geleistete (Teil-)Zinszahlung kann durch Ausgaben, von denen die die Zinsen direkt oder indirekt erhalten haben, wieder in die Wirtschaft zurück gelangen und für erneute Zinszahlungen genutzt werden. Entscheidend ist nur, ob der Rückfluss in die Wirtschaft stattfindet. Damit sind wir auch schon beim Thema “Sparen” und der Saldenmechanik. Unsere Diskussion zu diesem Thema mit Jörg Buschbeck findest du hier: http://www.geldsystempiraten.de/wp/saldenmechanik-und-guthabenkrise-jorg-buschbeck-im-podiumsgesprach/
      Gruß

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