Christian Felber

Christian Felber

Wir freuen uns am 15.04.2014 Christian Felber zur Diskussion begrüßen zu können.

Wir nehmen sein neues Buch »Geld. Die neuen Spielregeln« zum Anlass, um mit ihm darüber sprechen, warum die Geld- und Finanzordnung geändert werden sollte und wie ein verfassungsgebender Prozess ablaufen könnte. Außerdem wollen wir über einzelne Elemente einer neuen Geld- und Finanzordnung sprechen. Wie sollen Banken und Finanzmärkte arbeiten? Wie wird Geld in Umlauf gebracht und welche Position nehmen Zentralbank und Staat(en) im System ein? Wie sieht ein passendes Steuerkonzept und besseres, globales Währungssystem aus?

Christian Felber ist ein österreichischer Autor und Referent zu Wirtschafts- und Gesellschaftsfragen. Er ist Gründungsmitglied der österreichischen Sparte von Attac, Initiator des Projektes »Demokratischen Bank« und prägte den Begriff »Gemeinwohl-Ökonomie«.

Das Gespräch findet am Dienstag, 15.04.2014, ab 20:15 Uhr über die Online-Sprachsoftware Mumble statt. Zur Teilnahme muss sich auf dem Mumble-Server der NRW-Piraten eingeloggt werden. Eine Anleitung, wie man die Sprachsoftware Mumble benutzt, findet sich im Wiki der Piratenpartei.

Wie immer sind Gäste herzlich willkommen. Fragen können jederzeit im Fragen- und Vorbereitungspad gestellt werden.

Vergangene Podiumsdiskussionen mit Gästen können hier nachgehört werden.

Update 16.04.2014: Das Gespräch kann nun hier nachgehört werden.

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Den ersten Teil des Artikels findest du hier.

(von Wicksell zur modernern Makroökonomie, September 2012)

Adair Turner Part 2 – Money, Credit and Prices: From Wicksell to Modern Macro-Economics (Youtube)

Vortragstranskription
Adair Turner, INET

Fiat-Money versus Kreditgeld-Schöpfung

 

Fiat-Money-Erzeugung ist immer möglich und man könnte sagen – soweit die frohe Botschaft, dass die öffentlichen Behörden die optimale Menge an erzeugtem Fiat-Money frei wählen können. Und ich denke, es ist wichtig anzuerkennen, dass es durchaus erfolgreiche Phasen in der Wirtschaftgeschichte gegeben hat, während derer durch Erzeugung von Fiat-Money durch staatliche Behörden Kaufkraft (spending power) geschaffen worden ist, ohne dass es außer Kontrolle geraten wäre, und ohne, dass das zu Hyperinflation geführt hätte.

Wenn wir auf einen Zeitraum in der US-Geschichte schauen, wie den Bürgerkrieg und die darauffolgende Post-Bürgerkriegsepoche, in der das US-Finanzministerium “greenbacks” kreierte und damit die Union-Army bezahlte, dann war dies eine außerordentlich erfolgreiche Anwendung von Fiat-Money-Erzeugung, die nicht zu einer übermäßigen Inflationsrate führte.

Jedoch sind wir tendenziell immer besorgt um Fiat-Money-Schöpfung, wegen folgender Nachteile []:

Erstens, wenn einfach das fiskalische Defizit durch neues Fiat-Money gestopft wird, dann ist die Allokation von ebendiesem eine politische Entscheidung und befeuert damit entweder unwirtschaftliche Investitionen oder die großzügige Honorierung politischer Ämter. Und zweitens, natürlich, gibt es eine sehr starke Angst davor, dass in dem Moment, in dem man akzeptiert, dass man nominale Nachfrage (nominal demand) durch Fiat-Money erzeugen kann, das dann im Übermaß geschehe – und dann reden wir über die Hyperinflations-Phasen der Weimarer Republik oder in näherer Vergangenheit, Simbabwe.

Im Vergleich dazu scheint die Erzeung zusätzlicher Kaufkraft durch private Kreditschöpfung zwei Vorteile zu haben.

Erstens: Die Alloktion wird durch Martkdisziplin determiniert – angenommenermaßen. Und Zweitens: die optimale Menge könnte – vermutlich – sichergestellt werden, durch eine Zinspolitik in Übereinstimmung mit Wicksell’s Ansatz, wonach der Geldzins (money rate of interest) in der Nähe der natürlichen Zinsrate gehalten wird.

Ich denke, wir können nun die fundamentalen Probleme erahnen, die durch den Kreditzyklus hervorgerufen werden [].

Sind diese vermeintlichen Vorteile tatsächlich vorhanden? Oder können Situationen entstehen, in denen die Alloktion privat erzeugten Kredits so undiszipliniert und problematisch wie bei Fiat-Money-Erzeugung ist, wo der Zins-Kontrollprozess – “Geldzins nahe natürlicher Zins” – keine effektive Kontrolle darstellt?
Und das dritte Problem, das entsteht, ist, dass wir durch die Erzeugung zusätzlicher aggregierter nomineller Nachfrage mittels Erzeugung zusätzlicher privater Kredite, einen fortdauernden Kreditvertrag hinterlassen, und fortdauernde Kreditverträge per se haben Konsequenzen.

 

Hayek’s Investitions- und Über-Investitions-Zyklen

 

Lassen Sie mich über drei Kategorien von Problemen bei der Kreditschöpfung reden, von denen ich denke, dass sie jenseits dessen liegen, worauf sich Wicksell konzentriert hatte. Jenseits des Problems, dass da ein Zuviel an Kredit die Preisstabilität gefährden könnte. Diese Probleme rühren von der Tatsache her, dass Banken Kreditgeld und Kaufkraft (purchasing power) erzeugen, und es daher darauf ankommt, wem die Kreditausweitung zu Teil wird – wir müssen dem nachgehen – sowie aus den oben schon genannten Konsequenzen fortdauernder Kreditverträge. Wegen ebendieser gibt es Konsequenzen, die über die Preisstabilität hinausgehen. Diese Konsequenzen kategorisieren wir, ohne dabei wissenschaftlich präzise sein zu wollen, unter den Schlagwörtern: “Hayek”, “Minsky” und “Fisher/Simons”.

Zuerst Hayek’s “Investitions- und Über-Investitions-Zyklen”: Wie bereits gesagt, neigte Wicksell – wie auch viele moderne VWL-Bücher – dazu anzunehmen, dass sich bei jeder Kreditausweitung auch die Bilanz eines Unternehmens verlängert, welches in realökonomische Projekte investiert – so dachten weitestgehend Schumpeter, wie auch Hayek.

Nehmen wir also zunächst einmal an, das wäre der Fall. Grundlegend reden wir also über Kreditausweitung zur Finanzierung neuer physischer Kapitalinvestitionen. Wenn man verstanden hat, dass es das ist, wofür Kredit da sind, kann man sich über zweierlei Konsequenzen Gedanken machen. Die eine, die sich positiv auf das Wachstum auswirkt und die andere, die schädliche Schwankungen im Wachstumszyklus bewirkt.

Die (Kreditausweitung), die sich positiv auf das Wachstum auswirkt, basiert auf dem Faktum, dass, wenn Kredit primär für Unternehmen und Unternehmer (businesses and entrepreneurs) ausgeweitet wird – gleichwohl andere Kategorien von Investoren realer Kapitalformen, wie z.B. eine lokale Regierung, die in ein Infrastrukturprojekt investiert – dann kann die Kreditausweitung die Nachfrage hin zur Investition drehen und damit weg vom Konsum. Und das kann wiederum eine höhere Sparquote erzeugen, als unter Umständen stattfinden würde, wenn jeder Kredit auf einer direkten Basis vergeben wird, und daher ein unabhängiger Haushalt (vorher schon) eine bewusste Entscheidung zum Sparen hätte treffen müssen.

 

Erzwungenes Sparen durch Kreditvergabe

 

Und daher kommt das Konzept, über das wir uns noch nicht genügend unterhalten haben und welches ich für gültig erachte, und, worüber viele der Ökonomen im frühen 20sten Jhd. geschrieben haben, und zwar “Erzwungenes Sparen”. Auf die Weise kann der Kreditallokationsprozess ein höheres Sparniveau herstellen als es anderenfalls stattfände. Hayek beschreibt es in der monetären Theorie des Handelszykluses als eine Vergrößerung der Kapitalisierung zu Kosten des Konsums zusätzlichen Kredit gewähren ohne die willentliche Handlung von Individuen, die Konsumverzicht üben, und ohne, dass sie für sich daraus einen sofortigen Vorteil ableiten können.
Ich denke, das Konzept des erzwungenen Sparens und der Investitionslenkung innerhalb des Kreditallokationsprozesses ist theoretisch möglich und es gibt empirische Belege dafür in der Wirtschaftgeschichte. Wenn man auf den Entwicklungsprozess von Japan und Korea in den 50er, 60er, 70ern schaut [...], mit unter dem Marktzins liegenden Kreditzinsen für Guthaben der Nichtbanken und dem Durchschleusen günstiger Kredite durch das Bankensystem zur Industrie, insb. Schwerindustrie, [dann wird deutlich, dass] das ein [Erfolgs-]Faktor zum Erreichen einer höheren Investitionsrate und daher einer höheren Wachstumsrate war.

Nichtsdestoweniger, im Moment, wo man das erwähnt, sollte man auch die Kehrseite erkennen. Wie ich bereit vorher gesagt hatte, bin ich in China und betrachte Probleme die mit dem hiesigen Kreditzyklus zu tun haben. Ich denke, hier ist klar, dass die Regierung eine Kreditausweitung durch das Bankensystem veranlasst hat, um ein investitionsgelenkte Volkwirtschaft anzutreiben. Die höhere Investitionsrate war entscheidend für eine höhere Wachstumsrate. Wenn man das einsieht, kann man auch die möglichen Nachteile erkennen. So kann ein Überinvestitionszyklus geschaffen werden, bei dem man letztendlich unwirtschaftliche Investitionen bei geringer Grenz-Kapitalproduktivität tätigt. Und man kann eine Wirtschaft erschaffen, die so von Nachfrage nach kreditfinanzierten Investitionen abhängig ist, dass sich ein fundamentales Ungleichgewicht zwischen der erzeugten Kapitalmenge und der Konsumnachfrage nach den Konsumgüter, die das Kapital produziert, einstellt. Und ich denke, China wird große Probleme haben, sich da wieder herauszumanövrieren. [...]

Zunächst sollten wir [...] anerkennen, dass wir selbst erst kürzlich durch einen solchen Hayek’schen Überinvestitionszyklus gegangen sind, nämlich in Ländern wie Spanien und Irland. Die nächste Folie zeigt einen von den vielen fast total verlassenen Provinzflughäfen, die in Spanien gebaut worden sind. Es wird hier sehr schön illustriert, wie auch ein Bankensystem mit freiem Markt letztlich zu viel Kreditgeld in diesen Zyklen erzeugen kann. Es können also Überinvestitionszyklen im Hayek’schen Sinn vorkommen, auch wenn wir unter der Annahme argumentieren, dass die gesamte Kreditausweitung zu Gunsten von Realinvestitionen in physischem Kapital geschieht. Jedoch findet in der Tat in modernen Volkswirtschaften die meiste Kreditausweitung, gegensätzlich zu aller Literatur, nicht zu diesem Zweck statt. Ich denke, es ist nützlich, über die verschiedenen Kategorien nachzudenken in deren Rahmen Kreditausweitung stattfindet. Es werden

  • Kredite an Spekulanten und Investoren vergeben, die einfach den Kauf vorhandener Vermögenstitel damit finanzieren,
  • Hypothen-Kredite an Haushalte vergeben, was Vermögenstransfer zwischen den Generationen darstellt. (Manchmal werden damit dann neue Häuser gekauft, aber manchmal einfach nur der Kauf von bereits bestehenden Häusern finanziert.) und
  • unbesichertert Darlehen und Finanzierungskredite an Haushalte mit Liquiditsengpässen oder schlichtweg ärmere Privatpersonen vergeben. [...]

Meine Schätzungen zu den Bilanzen des U.K., 2009, legen nahe, dass von £1,2 Milliarden Bankkreditwachstum, tatsächlich nur £232 Millionen, also nicht viel mehr als 13%, bereitgestellt worden sind, um produktiven Investitionsprojekten, von denen Hayek, Schumpeter und Wicksell ausgingen, zu finanzieren. [...]

 

Selbstverstärkende Kreditzyklen

 

[Unter Anerkennung dieser Tatsachen] können wir eine ganz neue Möglichkeit der Auswirkungen von Krediterzeugung erkennen, und zwar, dass Kredit, in der Weise, wie Hyman Minsky beschreibt, Zyklen in den Preisen von bestehenden Vermögenswerten hervorrufen, sowie in der Menge zusätzlich geschaffenen Kredits, woraus sich selbstverstärkende Zyklen ergeben: vermehrte Kreditvergabe befeuert steigende Vermögens-Preise, die wiederum Anlass zu Verhaltensänderungen sind, angesichts vermeintlicher Nettowertzuwächse, wobei beide Seiten, Kreditnehmer wie Gläubiger, auf die positiven Anreize positiv reagieren. Kreditnehmer stellen fest, dass der Preis ihres Vermögens nach oben geht und glauben, es sei gescheit mehr Geld zu leihen, womit die Kreditnachfrage steigt. Gestiegene Vermögenspreise führen zu geringeren Kreditabschreibungen, was den Nettowert von Interbankenbesicherungen vergrößert. Es bestärt die Leiter der Kreditabteilungen, dass es geschickt ist, Geld gegen die existierenden Vermögen zu vergeben, egal ob es sich um geschäftliche Immobilien handelt oder um Wohnhäuser. Damit geht die Kreditzufuhr nach oben und die Kreditnachfrage geht hoch, mehr Kredite werden vergeben und Vermögenspreise steigen weiter. Diese Zyklen von Krediten und Vermögenspreisen bereits existierender Vermögenswerte sind von fundamentaler Natur für die Dynamik von Kredit in einer modernen Volkswirtschaft.

Und eine der Folgen davon ist, dass die Zinsratenelastizität der Kreditnachfrage zwischen den verschiedenen Kreditkategorien sehr variiert. Das ist ein fundamentale Problem für Wicksell’s Hypothese, dass sich der Kreditzyklus einschränken lässt, indem einfach, wie im modernen Notenbankwesen auch üblich, nur darauf geachtet wird, dass die Zinsrate zweckgemäß festgelegt wird. Dabei dachte doch Wicksell an neue Kredite für neue Investitionen (“Geldzins nahe natürlicher Zins -> alles wird gut”).

Die Zinsratenelastizitäten der Kreditnachfrage werden je nach Verwendung erheblich voneinander abweichen, und das im Lichte der Erwartungen von Vermögenspreis-Trends, die wiederum selbst endogen von der Kreditnachfrage gesteuert sind.

Das bedeutet, wer die Geschwindigkeit eines Booms von Immobilien-Darlehen durch Erhöhung der Zinsrate zu veringern versucht, läuft Gefahr den real produktiven Investitionen und dem nichtkommerziellem Immobiliensektor echten Schaden zuzufügen – und das lange bevor der Boom im kommerziellen Immobiliensektor gebremst wird, wo die Schätzungen für einen akzeptablen Kreditzins an die Erwartungen an Vermögenspreissteigerungen geknüpft sind. Es ist daher eine Gefahr, wenn man ganz und gar auf die Zinsrate vertraut, um Kreditzyklen zu kontrollieren.

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Das war schon eine große Überraschung, die am Freitag vorletzter Woche im Verhandlungssaal des Bundesverfassungsgerichts (BVerfG) verkündet wurde. Und was dort zu vernehmen war, sollte uns Piraten einigermaßen beunruhigen.
 
Was war passiert?

Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte im September 2012 mit ihrem »OMT-Beschluss« [1] festgelegt, dass sie gewillt ist, Staatsanleihen in unbegrenzter Menge anzukaufen, falls ein Land zu hohe Zinsen zahlen muss. Denn durch Ankäufe von Staatsanleihen steigt ihr Preis, was wiederum dazu führt, dass die Zinsen dafür sinken. [2]

So weit, so klar – aber an dieser Stelle soll nicht unerwähnt bleiben, dass diese Maßnahme hauptsächlich einigen Geschäftsbanken und nicht nur den Staaten zugute kommt.

 
Warum ist das so?

In Art. 123 des Vertrages von Lissabon wird der »unmittelbare« direkte Ankauf von Staatsanleihen vom Staat explizit ausgeschlossen [3]. Die EZB darf Staatsanleihen also nicht direkt von Staaten kaufen. Daher würde sie im Rahmen des OMT-Beschlusses nur Papiere kaufen, die bereits in den »Märkten« im Umlauf sind [4].

Von den Staaten können nur einige wenige Geschäftsbanken Anleihen kaufen [5]. Diese kaufen also die Staatsanleihen zum Emissionskurs und verkaufen sie im Anschluss teurer an die EZB.

Am Ende sieht es dann so aus, als hätten sich die Staaten günstig finanziert, tatsächlich sind aber die Geschäftsbanken nur für das Durchreichen fürstlich entlohnt worden. Über die Sinnhaftigkeit bzw. Zielgenauigkeit einer solchen Maßnahme darf natürlich gestritten werden. Jedenfalls wirkt Art. 123 der EU-Verträge als eine Art von der Zentralbank gefördertes Konjunkturprogramm für diese Geschäftsbanken.

In anderen Währungsräumen (z.B. USA, UK, Japan) dürfen die Zentralbanken dem Staat die Anleihen direkt abkaufen. Der hohe Preis und der damit verbundene niedrige Zinssatz kommen dort direkt den Staaten zugute und nicht in erster Linie den »Märkten«. Im Vergleich dazu wirkt Art. 123 kontraproduktiv, wenn man den Euro durch den Kauf von Staatsanleihen retten will.

Aber zurück zum OMT-Beschluss der EZB: Oberflächlich betrachtet ist er eine Rettungsaktion wie sie auch andere Zentralbanken in der weltweiten Finanzkrise genutzt haben. Nur haben wir in Europa den Sonderfall, dass der Wirkungsbereich der Zentralbank nicht innerhalb eines einheitlich rechtlichen Raums liegt.

Europa ist aktuell noch ein Staatenbund, und die Europäische Zentralbank ist nach den EU-Verträgen nur für Geldpolitik zuständig. Staatsfinanzierung – selbst wenn sie durch den OMT-Beschluss unbegrenzt »über die Märkte« passieren würde – ist ebenfalls in Art. 123 der EU-Verträge ausgeschlossen [4].

Das Bundesverfassungsgericht stellte nun am Freitag fest, dass vom OMT-Beschluss der EZB eine Bedrohung des deutschen Haushalts ausgeht. Dieses Ankaufprogramm der EZB für Staatsanleihen notleidender Staaten sei wohl eine »offensichtliche und bedeutsame Kompetenzüberschreitung« der Zentralbank und nicht mit den europäischen Verträgen vereinbar [6].

Der Faktencheck zeigt, wie ungenügend das Bundesverfassungsgericht in finanziellen Dingen beraten wird, denn auch beim OMT-Anleihen-Ankaufprogramm kauft die EZB lediglich Anleihen an »den Märkten« auf. Inwiefern das für den deutschen Haushalt bedeutsam sein soll, muss noch – möglicherweise vor dem Europäischen Gerichtshof – erklärt werden, denn gemäß den Statuten der EZB wie auch den Regularien der Bundesbank müssen eventuell anfallende Verluste der Zentralbank nicht ausgeglichen werden [7]. Eine Tatsache, die leider weithin ignoriert wird, selbst vom renommierten IFO-Institut [8].

Das Verfassungsgericht sieht schlussendlich das Ankaufprogramm der EZB »als eigenständige wirtschaftspolitische Maßnahme«, was »offensichtlich« die Kompetenzverteilung der EU-Verträge verletzt [9].

Ein Verfassungsdefizit in Europa

Übersetzt in Piratendeutsch heißt die Entscheidung vom letzten Freitag soviel wie »ein Sturm zieht auf«, denn das Verfassungsgericht streut Salz in die Wunde der völkerrechtlichen EU-Verträge. Nun rächt sich, dass bei der verfassungsrechtlichen Konstruktion der EU gepfuscht wurde. Hätten die Politiker Europas mal auf die Piraten gehört ;) [10]!

Das Bundesverfassungsgericht bezweifelt zwar, dass der OMT-Beschluss den Lissaboner Verträgen genügt, überträgt die Entscheidung darüber aber an den Europäischen Gerichtshof. Ein echter »Schwarzer Peter«, den es da weiterschiebt, und zieht sich so zunächst elegant aus der Affäre.

Ob sich jedoch die EZB durch einen entsprechenden Beschluss des EuGH binden lassen würde – ganz unabhängig davon, dass die deutsche Regierung diese Zuständigkeit anerkennt – sehe ich als ungeklärt an. Die EZB hat weitgehende Befugnisse in allem, was sie selbst als »Geldpolitik« definiert, und auch die Einzelstaaten haben ein Wörtchen mitzureden. Und leider gibt es keine europäische Verfassung, die solche Fragen zweifelsfrei und für alle Beteiligten bindend entscheidet.

Sieht nun der EuGH den OMT-Beschluss ebenfalls im Widerspruch zu Art. 123 der Lissabon-Verträge, und ignoriert die EZB dies gegen das deutsche Votum und bleibt bei diesem Beschluss, steht die Bundesregierung vor einem Scherbenhaufen.

Denn ein weiteres Mal hätte – diesmal über Bande – das Bundesverfassungsgericht eine Regierung Merkel in Zugzwang gebracht.

Ohne Nachbesserungen an den Lissabon-Verträgen stünde die Ankündigung der EZB, zur Kursstabilisierung unbegrenzt Staatsanleihen zu kaufen, im Widerspruch zu einem Beschluss des Bundesverfassungsgerichts.

Ich bin daher sehr gespannt, wie sich die Bundesregierung hier aus der Affäre ziehen will. Denn es war ja gerade der Egoismus deutscher Interessen, auf den das Verbot der direkten Staatsfinanzierung in Art. 123 zurückgeht. Und eine Streichung dieses Verbots wäre – selbst wenn ihr eine Reihe von Euroländern durchaus zustimmen würden – in Deutschland zurzeit nicht durchsetzbar.

Wir befinden uns also in einem europäischen Verfassungsdilemma, weil wichtige europäische Entscheidungen zum Spielball nationaler Interessen werden.

Die Europäische Union – und mit ihr der Euroraum – braucht dringend eine Verfassung, die klare Zuständigkeiten festlegt und vor allem keinen Raum für nationale Egoismen der Einzelstaaten lässt.

@PiratosMuc

 

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Nach der erfolgreichen Diskussionsrunde mit Jörg Buschbeck letzte Woche wird diesen Dienstag, 28.1. um 20:00 Uhr im Mumble-Raum der AG Geldordnung und Finanzpolitik ein Themenabend zur Analyse und Reformagenda des Hyman Minsky stattfinden. Im Gegensatz zur neoklassischen Theorie, nach der eine freie Marktwirtschaft zu einem Gleichgewicht tendiert, enthält der Kapitalismus nach Minsky inhärent destabilisierende Kräfte. Im Kaminzimmer-Gespräch werden zunächst die theoretischen Überlegungen erörtert und anschließend die Probleme und Chancen der Lösungsvorschläge untersucht.

Als Grundlage dient Minskys Werk “Stabilizing an unstable economy”, das in diesem Wikiartikel zusammengefasst ist. Wer schon im Voraus Fragen oder Kommentare hat, darf diese im Diskussions-Pad darlegen.

Zur Einstimmung hier ein paar Zitate:

Thus, while admiring the properties of free markets we must accept that the domain of effective and desirable free markets is restricted.

Paradoxically, capitalism is flawed precisely because it cannot readily assimilate production processes that use large-scale capital assets.

If a lender of last resort agrees to pick up the pieces in case of a problem, it has a right and a responsibility to control and prevent business practices that tend either to create or to worsen financial crises.

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Jörg Buschbeck - Guthabenkrise.de

Jörg Buschbeck – Guthabenkrise.de

Am Mittwoch den 22.1. 2014 um 20 Uhr kommt Jörg Buschbeck als Gast in den NRW-Mumble (AG Geldordnung/Kaminzimmer).

Mit den Gesprächen im “Kaminzimmer” starten die Piraten der AG Geldordnung und Finanzpolitik ein neues Format, das vor allem der internen Weiterbildung der Piraten dienen möchte. Mit den anwesenden Gästen und Fachleuten sollen spezifische Themenbereiche vertieft und in Details besprochen werden. Das geschieht in einer lockeren Runde, sozusagen im virtuellen Hinterzimmer der Geldsystempiraten, bei Punsch und Feuerprasseln.

Interessant ist das überwiegend für diejenigen Piraten, die das Themenfeld bereits für sich entdeckt haben, Spass damit haben und es bearbeiten. Hier kann ihr Wissen im Bereich Wirtschaft und Geldwesen erweitert und vertieft werden, oder wirtschafts- und geldpolitische Positionen debattiert werden.

Wie immer bleibt es aber ein offenes System, d.h. auch Nichtpiraten, somit alle anderen politisch interessierten Wahlbürger, die mehr über unsere Themen erfahren wollen, sind herzlich eingeladen. Mumble nutzen kann jeder, eine Anleitung dazu findet man hier.

Leser und Zuhörer die Fragen an Jörg Buschbeck stellen möchten, können das hier tun: Kaminzimmer-PAD-Fragen.

Hier noch ein paar Hintergrundinformationen zum Gesprächspartner:

Buschbeck war bereits bei uns im Mumble, das Video mit der Tonaufzeichnung gibt es hier: http://www.youtube.com/watch?v=4Vjq_TfF_lk

Die “Guthabenkrise” (statt Schuldenkrise) erklärt Jörg Buschbeck in diesem Video: http://www.youtube.com/watch?v=JKUzHZ9a9Yw

Beide Videos sind sehr zu empfehlen! Sie verlassen die “normale Welt” und sind ein frontaler Angriff auf alle wirtschaftswissenschaftlichen Denksperren.

Sein Gesamtkonzept an Lösungsmöglichkeiten zur Krisenbewältigung findet man auf seinem Blog in Kurzfassung: http://guthabenkrise.wordpress.com/2013/10/12/wie-man-gesells-friedens-idee-ohne-das-unbeliebte-gesell-geld-umsetzt/ und als Langfassung hier: http://guthabenkrise.wordpress.com/2012/01/30/ein-grundlegender-losungsansatz-fur-die-systemkrise-notenbanken-werden-zur-monetative

Einen Ausschnitt aus der Langfassung möchten wir zum Abschluss noch zitieren:

“Geschäftsbanken-Aktiva = nur noch Kredite an private Inlandsprojekte

Die Aktivseite von Bankbilanzen darf nur noch um Forderungen gegen inländische Investitionsprojekte erweitert werden. Für diese Kreditvergaben existieren in Deutschland gute und wohl auch ausreichende Vorschriften für Besicherung und Eigenkapitalunterlegung. Mit der oben beschriebenen Absturzsicherung werden die bestehenden systemischen Risiken minimiert. Sollte es infolge der vorgeschlagenen Reformen zu stärkeren Preissteigerungen bei Sachwerten kommen, dann müssen die Eigenkapitalanforderungen für Kredite allerdings verschärft werden, um eine „Blasenbildung“ mit Kredithebel zu verhindern. Eigenkapitalinduzierte Preiserhöhungen von Sachwerten sind aber keine Blasen, sondern durchaus wünschenswerte Wertsteigerungen, die überschüssige Sparvermögen absorbieren und die realwirtschaftlichen Renditen senken.
Die Sicherheit und Stabilität eines Kreditgeldsystems hängt aber auch an der Vollstreckbarkeit in die Pfänder. Darauf haben wir nur im Inland so viel Einfluss, dass wir die Einlagen ohne Verlustrisiko staatlich garantieren können. Natürlich können die deutschen Anleger auch Projekte im Ausland finanzieren, aber dann nur auf eigenes Risiko mit Eigenkapital. Die „schwäbische Hausfrau“ hätte auf ihr Risiko niemals spanische oder US-amerikanische Subprime-Bauten finanziert, die als Schuldtitel massenweise in deutschen Bankbilanzen gelangten.”

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