Dieser Beitrag ist Teil unsere kleinen Reihe “Populäre Irrtümer”.

Seit Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise wird uns von den führenden Politikern der großen Parteien unter Mithilfe der Massenmedien fast täglich erzählt, dass die südeuropäischen Krisenländer wettbewerbsfähiger werden müssen. Das Ganze gipfelte dann in der Aussage Angela Merkels auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos im Januar 2013, dass ganz Europa wettbewerbsfähiger werden muss. Erreicht werden soll dies durch eine Politik des „Sparens“ und ganz speziell durch Lohnsenkungen.

Dann schauen wir uns einmal an, wie sinnvoll so eine Politik ist. Ich will hier nicht über das Leid der Bevölkerung referieren, welches sich zwangsläufig aus den Lohnsenkungen und Kürzungen (das eigentlich richtige Wort für „Sparen“) ergibt. Es geht mir um die Logik der Argumentation.

Da wir nun mal alle in einer räumlich begrenzten Welt leben, kann es nicht sein, dass die ganze Welt an Wettbewerbsfähigkeit zulegt (es sei denn, wir treiben demnächst Handel mit anderen Planeten). Es muss also bei Wettbewerbs-Gewinnern gleichzeitig Verlierer geben.

Hier stellt sich die Frage, gegenüber wem soll eigentlich ganz Europa seine Wettbewerbsfähigkeit erhöhen? Das kann nur das nichteuropäische Ausland sein.

Wenn nun Europa an Wettbewerbsfähigkeit gewinnt, muss zwingend Nicht-Europa an selbiger verlieren. Lassen sich die Staaten außerhalb Europas dies einfach so gefallen? Natürlich nicht. Was wird also passieren? Das nichteuropäische Ausland wird entweder seine eigene Währung gegenüber dem Euro abwerten oder Handelsschranken errichten (oder beides), um seine eigene Wirtschaft zu schützen.

Es bringt ganz Europa also überhaupt nichts, durch massive Kürzungen und Lohnsenkungen an Wettbewerbsfähigkeit zu gewinnen. Erreicht wird dadurch nur eins: einem Großteil der Menschen in Europa geht es schlechter.

Warum stellt sich also eine Bundeskanzlerin auf ein Podium und fordert diese Wettbewerbsfähigkeit ganz Europas? Entweder hat sie diese trivialen Zusammenhänge nicht verstanden, oder sie ist sich dessen bewusst und handelt nicht für das Wohl der europäischen Bürger, sondern verfolgt andere Interessen. Welche Variante schlimmer ist, mag der Leser für sich selbst entscheiden.

Vielleicht hat Frau Merkel das auch gar nicht so gemeint, wie sie es sagte und wollte eigentlich nur die südeuropäischen Krisenländer ermuntern, Deutschland nachzueifern und hauptsächlich gegenüber den erfolgreichen Nordländern (neben Deutschland z.B. auch die Niederlande) an Wettbewerbsfähigkeit zu gewinnen.

Wie oben beschrieben, gibt es grundsätzlich neben den Gewinnern natürlich auch Verlierer. Da wir uns hier aber in einer Währungs- und Handelsunion befinden, könnte Deutschland, wenn es an Wettbewerbsfähigkeit gegenüber den Krisenländern verliert, eben nicht mit Hilfe von Währungsabwertungen oder Handelsschranken reagieren. Innerhalb Europas würde sich die Wettbewerbsfähigkeit also angleichen. So weit so gut.

Wenn diese Angleichung das Ziel sein sollte, stellt sich aber die Frage, mit welchen Mitteln sollte dies geschehen. Bisher hieß es unisono, die Löhne in Südeuropa sind zu hoch. Sie müssen sich den Löhnen (genauer gesagt den Lohnstückkosten, also das Lohnniveau im Verhältnis zur Produktivität) Deutschlands anpassen. Diese Variante der Wettbewerbsangleichung ist aber nicht zwingend, schon gar nicht alternativlos.

Das gleiche Ziel wird erreicht, indem nicht die Löhne der Krisenländer gesenkt, sondern die Löhne der anderen Länder erhöht werden. Warum wird diese Lösung des Wettbewerbsproblems nicht einmal im Ansatz von Politikern der großen Parteien und den Medien diskutiert? Es wäre so einfach und hilft allen. Schluss mit der Austeritätspolitik in Südeuropa, damit die Bürger dort wieder eine Perspektive bekommen und Anhebung der Löhne in den bisherigen Nicht-Krisenländern, damit auch dort die zunehmende Armut (vor allem die drohende Altersarmut) bekämpft wird.

Viele Ökonomen fordern seit Jahren genau diese Änderung der Politik. Leider bleiben sie ungehört. Mir stellt sich die Frage, wessen Interessen von den Regierungen in Europa eigentlich verfolgt werden?

Zum Schluss ein Ausblick. Sollten die Verantwortlichen ihre Politik nicht überdenken und ändern, wird in den nächsten Jahren folgendes passieren. Durch die Lohnsenkungen in Südeuropa kann es dazu kommen, dass z.B. Deutschland tatsächlich an Wettbewerbsfähigkeit verliert und Einbußen hinnehmen muss. Wie wird die Politik darauf vermutlich reagieren? Sie wird das gleiche Rezept anwenden und fordern, dass Deutschland wieder mehr Wettbewerbsfähigkeit braucht. Es wird erneut der Ruf nach Lohnsenkungen laut. Eine Abwärtsspirale wird die Folge sein.

Lassen wir es nicht dazu kommen. Beenden wir diese fatale Politik und leiten eine Kehrtwende ein. Ein flächendeckender Mindestlohn in Deutschland mit jährlichen Steigerungen von z.B. 5%, ein Verbot der Ausbeutung von abhängig Beschäftigten durch sogenannte Werkverträge, eine höhere Bezahlung von Leiharbeitern als fest angestellte Mitarbeiter, damit die größere Flexibilität von Leiharbeitern im Markt richtig eingepreist wird. Dies wäre ein Anfang, um das eigentliche Ziel, welches offensichtlich aus den Augen verloren wurde, zu erreichen: Allen Menschen soll es besser gehen.


Weiterführende Informationen zum Thema der Saldenmechanik und der Wettbewerbslogik unter Nationen:


4 Antworten auf Populäre Irrtümer: Die Sache mit der Wettbewerbsfähigkeit

  • michael zimmermann sagt:

    Die Lohnsenkungen werden natürlich gerne von der jetzigen Regierung unterstützt, weil es so die Wirtschaftskraft für die Unternehmen schneller stärkt. Jedoch ist beim Begriffs des Sparens aus der Sicht der Ökonomen die Effektivität und Effiziens des Staates gemeint ( folglich besteht immer die Frage -wieviel Staatsregulierung braucht ein Volk ). Denn mit geringeren Lohnnebenkosten ( also weniger Staatsaufgaben /-regulierungen ) muss unterm Strich der Unternehmer weniger aufwenden und auch die Beschäftigen haben automtisch mehr in der “Lohntüte”, um wiederum mehr konsumieren zu können und folglich als Umkehrschluß der Unternehmer durch Umsatsteigerungen wiederum die Beschäftigten weiterhin beschäftigen kann.
    Bei einer reinen Lohnerhöhung hingegen muss nur der Unternehmer mehr aufwenden, bekommt aber durch “Verpuffung der Lohnnebenkosten ” nicht diesen alleinigen Mehraufwand zurück und wird folglich seinen Waren und Diestleistung preislich erhöhen müssen, welches aber dann den Beschäftigen mit seiner Lohnerhöhung inflationär “auffrist” und alles beim “alten” bleibt.
    Zur Konkurenz mit Amerika und Asien bleibt Europa nur stabil ,wenn der sog. öffentliche “Wasserkopf” stark minimiert wird und sich auf die wesentlichen Staatsaufgaben funktional beschränkt ( folglich weniger Lohnnebenkosten ). Solange aber erheblich unterschiedliche Sozial- und Steuerpolitik in Europa besteht, wird auch die “Konzernspringerei” (Wertschöpfungs-Ortswechsel ) bleiben und die Beschäftigten leiden in Abhängigkeit.

  • Rudi sagt:

    Hallo Michael,

    zunächst einmal: es gibt keine Lohn”neben”kosten. Alles sind Lohnkosten.

    Wenn die abhängig Beschäftigten nur jährlich eine Lohnerhöhung in Höhe des Verteilungsspielraums bekommen, dann ist das für die Unternehmen kostenneutral. Der Verteilungsspielraum setzt sich zusammen aus der Inflation (im Euro-Raum gewollte 1,9%) und dem Produktivitätswachstum (je nach Kommissionsergebnis zwischen 1,5 und 1,8%).
    Die abhängig Beschäftigten haben dann diese 1,5-1,8% jährlich mehr für Konsum zur Verfügung. Davon profitieren dann die Unternehmen im nächsten Zyklus und erwirtschaften dort ihre höheren Gewinne.
    Mehr dazu folgt dann in einem späteren Artikel zum Thema “Populäre Irrtümer: Der demografische Wandel”.

    Gruß
    Rudi

    • michael zimmermann sagt:

      hallo Rudi,
      wie auch immer eine Erhöhung zu Stande kommen mag, ob nun kostenneutral oder nicht, ist hierbei egal, da der Beschäftigte nicht Brutto wie Netto erhält und somit entstand doch der Begriff sog. Lohnnebenkosten.
      Dein sog. populärer Verteilungsirrtum würde bewirken, dass es keine sozialverpflichtene Abgabe durch Unternehmer für dessen Beschäftigte gibt und selbst die Beschäftigten nicht anschließend direkt vom sog. “Sozialstaat” zur Kasse gebeten werden. Dem ist aber nicht so und ob das dann wirklich so gewollt wäre, freut zwar die Unternehmer und die Beschäftigten, jedoch dann alle Anderen nicht mehr. Ausnahmen hierzu sind denkbar vorhanden, würden aber das Thema “sprengen”, aber evtl meintest Du auch, wie der Staat mit den eingenommenen Sozialabgaben diese wiederum an die sozialbedürftige Bevölkerung verteilt ? Fazit ; reine Nettolohnerhöhungen gibt es bisher so nicht in Euroland.
      Auf dein nächstes Thema freue ich mich schon (-:

  • Haben wir eine „GUTHABENKRISE” Herr Jörg Buschbeck und Neo-Gesellianer (Helmut Creutz, Andreas Popp) et al? – neu editiert und ergänzt

    Warum die ERSPARNISBILDUNG für das Funktionieren des kapitalistischen Systems sehr wichtig ist und warum Banken SPARER für ihre RE-FINANZIERUNG brauchen.

    Ich komme hier zu dem Schluss, dass wir keine Guthabenkrise haben und es sich dabei eher um ein typisches Oxymoron der Neo-Gesellianer handelt, die aus Symptomen eine Ursache stricken wollen.

    Natürlich haben die Vertreter, hier insbesondere Herr Buschbeck, schon viel Mühe und vergeblich Kraft in diese Theorie gesteckt, so dass ein Zurückrudern ohne Gesichtsverlust nicht mehr möglich ist. Er verteidigt eigentlich nur noch seine Ruf, wie viele, die sich zu früh auf eine bestimmte Theorie festlegen bzw. sich irgendwie einen Namen machen wollen oder sich „auf ein Podest stellen” und meinen, man könnte mit gesellianischen Methoden den Kapitalismus irgendwie „reparieren”. Die einzige Reparatur ist jedoch die Abschaffung dessen. Ansonsten lassen sich aus der Saldenmechanik keine Kausalitäten ableiten bzgl. globaler Einkommens-/Eigentumsverteilung, Machtverteilung, Akkumulationen, Verschuldung u.a.Probleme.

    Dazu mehr hier

    https://www.facebook.com/permalink.php?story_fbid=958475554211003&id=100001457031236

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