Deutschland

Ein Schlagwort, das derzeit geradezu inflationär verwendet wird, insbesondere von unserer Kanzlerin, ist die Wettbewerbsfähigkeit. Dahinter verbirgt sich die in den letzten Jahren u.a. in Deutschland gefahrene wirtschaftsliberale, unternehmensfreundliche Politik. Deren Reformen, wie die Senkung der Körperschaftssteuer und die komplette Hartz IV Gesetzgebung, begünstigen vor allem die Profite der Unternehmen. Die unausgesprochene Implikation dahinter ist, dass zu erwartende Gewinne die Unternehmen zu Investitionen motivieren, die dann in der Folge Beschäftigung und Wohlstand für die Bevölkerung schaffen. Dieser Zusammenhang scheint so naheliegend, dass er selten hinterfragt wird.

Tatsächlich ist er jedoch seit einiger Zeit immer weniger gegeben. Die folgende Grafik zeigt deutlich, dass besagte Reformen in der Tat die Unternehmensprofite in die Höhe getrieben haben. Die Investitionen hingegen waren sogar leicht niedriger als in den 90er Jahren. Wie kann man sich das erklären, und v.a. welche Konsequenzen muss man daraus ziehen?

Quelle: flassbeck-economics.de

Zunächst ist nachvollziehbar, dass Unternehmen ihre Produktion nur dann ausweiten, wenn sie die zusätzlichen Produkte auch absetzen werden können. Dazu muss eine entsprechende Nachfrage vorhanden sein. Leider wurde in Deutschland durch die Ermöglichung eines Niedriglohnsektors und allgemeiner Lohnzurückhaltung gerade die Binnennachfrage stark gemindert. Der Mindestlohn und generelle Lohnerhöhungen für Mittel- und Geringverdiener, aber auch ein Grundeinkommen, können hier helfen, dass Unternehmensgewinne wieder sinnvoll verwendet werden.

Die Ursachen sind aber noch vielschichtiger. Eine fundamentale universell gültige Gleichung der Volkswirtschaft ist:

Unternehmensgewinne = Investitionen plus Unternehmerkonsum minus Geldvermögensbildung der Nichtunternehmer

wobei unter Nichtunernehmer auch der Staat und das Ausland fallen. Wichtig ist hier, zu erkennen, dass die Investitionen der einzige Teil der Gleichung sind, denen auch ein realwirtschaftlicher Mehrwert, also ein Sachvermögenszuwachs entspricht. Fallen die Investitionen deutlich hinter den Gewinnen zurück so liegt das an einer Netto-Verschuldung der Nichtunternehmer. In Deutschland hat diese Rolle zum großen Teil das Ausland übernommen, was man am enormen Exportüberschuss sieht. International waren dies teilweise Staaten, aber auch Privatleute, wie in der amerikanischen Immobilienblase.

Aus diesem Blickwinkel kann man auch die internationale Deregulierung der Finanzmärkte verstehen. Die Verbriefung und der Handel von Krediten jeder Art ermöglichte einen starken Anstieg der privaten Verschuldung. Diese Verschuldung erlaubte es den Unternehmen Gewinne einzufahren ohne ihre realen Investitionen zu erhöhen. Hinter diesen Gewinnen stehen zunehmend Geldvermögenszuwächse durch Neuverschuldung anstelle von Sachvermögenszuwachs durch reale Wertschöpfung. Um also den sinnvollen Mechanismus zwischen Profiten und Investitionen wiederherzustellen, ist es an der Zeit endlich das Finanzcasino zu schließen.


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Thomas Fricke bringt in der Financial Times die neuesten Zahlen und Entwicklungen zum deutschen Leistungsbilanzüberschuss. Deutschland befindet sich demnach weiterhin in einer Exportabhängigkeit und hat immer weniger Importe, das bringt Probleme mit sich:
“Von wegen Boom der Binnennachfrage. Die hiesige Wirtschaft hängt schon wieder gefährlich einseitig am Export. Und die Handelspartner fahren riskante Bilanzdefizite ein. Das könnte sogar Stoff werden für neuen Ärger mit Barack Obama.

Trendumkehr Seit Monaten steigt der deutsche Exportüberschuss rasant. Dabei bauen Europas Krisenländer ihre Defizite gerade stark ab – auch uns gegenüber.

Ungewöhnlich Die höheren deutschen Überschüsse gehen jetzt zulasten Frankreichs und der USA. Selbst Asien hat jetzt Defizite mit uns.

Die Trendumkehr wirkt umso bizarrer, als Europas viel kritisierte Krisenländer ihre Außenbilanzen dramatisch verbessern, auch gegenüber den Deutschen – wenn auch teils auf brutale Art. Unser Überschuss mit Spanien ist von vierteljährlich zeitweise 7 Mrd. Euro auf zuletzt 2 Mrd. implodiert – den niedrigsten Stand seit Ende der 90er-Jahre. Der Überschuss mit Italien raste seit Sommer 2011 von 4,3 auf nur noch 2 Mrd. Euro – seit die Wirtschaft (auf deutsche Austeritätsempfehlung hin) unnötig in die Rezession geriet. Der deutsche Positivsaldo mit Portugiesen und Griechen sackte auf je ein Drittel.

Wenn die Deutschen überhaupt global wettbewerbsfähiger geworden sind, dann wegen der krisenbedingten Euro-Schwäche, die Waren im Ausland verbilligt – zweifelhafter Verdienst. Der Hauptgrund für das Wiederhochschnellen des Handelsüberschusses liegt auf der anderen Seite der Bilanz: bei der Schwäche der deutschen Importnachfrage.”

http://www.ftd.de/politik/konjunktur/:konjunktur-deutschlands-schraeger-aufschwung/70115353.html