Fiat-Money

Den ersten Teil des Artikels findest du hier.

(von Wicksell zur modernern Makroökonomie, September 2012)

Adair Turner Part 2 – Money, Credit and Prices: From Wicksell to Modern Macro-Economics (Youtube)

Vortragstranskription
Adair Turner, INET

Fiat-Money versus Kreditgeld-Schöpfung

 

Fiat-Money-Erzeugung ist immer möglich und man könnte sagen – soweit die frohe Botschaft, dass die öffentlichen Behörden die optimale Menge an erzeugtem Fiat-Money frei wählen können. Und ich denke, es ist wichtig anzuerkennen, dass es durchaus erfolgreiche Phasen in der Wirtschaftgeschichte gegeben hat, während derer durch Erzeugung von Fiat-Money durch staatliche Behörden Kaufkraft (spending power) geschaffen worden ist, ohne dass es außer Kontrolle geraten wäre, und ohne, dass das zu Hyperinflation geführt hätte.

Wenn wir auf einen Zeitraum in der US-Geschichte schauen, wie den Bürgerkrieg und die darauffolgende Post-Bürgerkriegsepoche, in der das US-Finanzministerium “greenbacks” kreierte und damit die Union-Army bezahlte, dann war dies eine außerordentlich erfolgreiche Anwendung von Fiat-Money-Erzeugung, die nicht zu einer übermäßigen Inflationsrate führte.

Jedoch sind wir tendenziell immer besorgt um Fiat-Money-Schöpfung, wegen folgender Nachteile []:

Erstens, wenn einfach das fiskalische Defizit durch neues Fiat-Money gestopft wird, dann ist die Allokation von ebendiesem eine politische Entscheidung und befeuert damit entweder unwirtschaftliche Investitionen oder die großzügige Honorierung politischer Ämter. Und zweitens, natürlich, gibt es eine sehr starke Angst davor, dass in dem Moment, in dem man akzeptiert, dass man nominale Nachfrage (nominal demand) durch Fiat-Money erzeugen kann, das dann im Übermaß geschehe – und dann reden wir über die Hyperinflations-Phasen der Weimarer Republik oder in näherer Vergangenheit, Simbabwe.

Im Vergleich dazu scheint die Erzeung zusätzlicher Kaufkraft durch private Kreditschöpfung zwei Vorteile zu haben.

Erstens: Die Alloktion wird durch Martkdisziplin determiniert – angenommenermaßen. Und Zweitens: die optimale Menge könnte – vermutlich – sichergestellt werden, durch eine Zinspolitik in Übereinstimmung mit Wicksell’s Ansatz, wonach der Geldzins (money rate of interest) in der Nähe der natürlichen Zinsrate gehalten wird.

Ich denke, wir können nun die fundamentalen Probleme erahnen, die durch den Kreditzyklus hervorgerufen werden [].

Sind diese vermeintlichen Vorteile tatsächlich vorhanden? Oder können Situationen entstehen, in denen die Alloktion privat erzeugten Kredits so undiszipliniert und problematisch wie bei Fiat-Money-Erzeugung ist, wo der Zins-Kontrollprozess – “Geldzins nahe natürlicher Zins” – keine effektive Kontrolle darstellt?
Und das dritte Problem, das entsteht, ist, dass wir durch die Erzeugung zusätzlicher aggregierter nomineller Nachfrage mittels Erzeugung zusätzlicher privater Kredite, einen fortdauernden Kreditvertrag hinterlassen, und fortdauernde Kreditverträge per se haben Konsequenzen.

 

Hayek’s Investitions- und Über-Investitions-Zyklen

 

Lassen Sie mich über drei Kategorien von Problemen bei der Kreditschöpfung reden, von denen ich denke, dass sie jenseits dessen liegen, worauf sich Wicksell konzentriert hatte. Jenseits des Problems, dass da ein Zuviel an Kredit die Preisstabilität gefährden könnte. Diese Probleme rühren von der Tatsache her, dass Banken Kreditgeld und Kaufkraft (purchasing power) erzeugen, und es daher darauf ankommt, wem die Kreditausweitung zu Teil wird – wir müssen dem nachgehen – sowie aus den oben schon genannten Konsequenzen fortdauernder Kreditverträge. Wegen ebendieser gibt es Konsequenzen, die über die Preisstabilität hinausgehen. Diese Konsequenzen kategorisieren wir, ohne dabei wissenschaftlich präzise sein zu wollen, unter den Schlagwörtern: “Hayek”, “Minsky” und “Fisher/Simons”.

Zuerst Hayek’s “Investitions- und Über-Investitions-Zyklen”: Wie bereits gesagt, neigte Wicksell – wie auch viele moderne VWL-Bücher – dazu anzunehmen, dass sich bei jeder Kreditausweitung auch die Bilanz eines Unternehmens verlängert, welches in realökonomische Projekte investiert – so dachten weitestgehend Schumpeter, wie auch Hayek.

Nehmen wir also zunächst einmal an, das wäre der Fall. Grundlegend reden wir also über Kreditausweitung zur Finanzierung neuer physischer Kapitalinvestitionen. Wenn man verstanden hat, dass es das ist, wofür Kredit da sind, kann man sich über zweierlei Konsequenzen Gedanken machen. Die eine, die sich positiv auf das Wachstum auswirkt und die andere, die schädliche Schwankungen im Wachstumszyklus bewirkt.

Die (Kreditausweitung), die sich positiv auf das Wachstum auswirkt, basiert auf dem Faktum, dass, wenn Kredit primär für Unternehmen und Unternehmer (businesses and entrepreneurs) ausgeweitet wird – gleichwohl andere Kategorien von Investoren realer Kapitalformen, wie z.B. eine lokale Regierung, die in ein Infrastrukturprojekt investiert – dann kann die Kreditausweitung die Nachfrage hin zur Investition drehen und damit weg vom Konsum. Und das kann wiederum eine höhere Sparquote erzeugen, als unter Umständen stattfinden würde, wenn jeder Kredit auf einer direkten Basis vergeben wird, und daher ein unabhängiger Haushalt (vorher schon) eine bewusste Entscheidung zum Sparen hätte treffen müssen.

 

Erzwungenes Sparen durch Kreditvergabe

 

Und daher kommt das Konzept, über das wir uns noch nicht genügend unterhalten haben und welches ich für gültig erachte, und, worüber viele der Ökonomen im frühen 20sten Jhd. geschrieben haben, und zwar “Erzwungenes Sparen”. Auf die Weise kann der Kreditallokationsprozess ein höheres Sparniveau herstellen als es anderenfalls stattfände. Hayek beschreibt es in der monetären Theorie des Handelszykluses als eine Vergrößerung der Kapitalisierung zu Kosten des Konsums zusätzlichen Kredit gewähren ohne die willentliche Handlung von Individuen, die Konsumverzicht üben, und ohne, dass sie für sich daraus einen sofortigen Vorteil ableiten können.
Ich denke, das Konzept des erzwungenen Sparens und der Investitionslenkung innerhalb des Kreditallokationsprozesses ist theoretisch möglich und es gibt empirische Belege dafür in der Wirtschaftgeschichte. Wenn man auf den Entwicklungsprozess von Japan und Korea in den 50er, 60er, 70ern schaut [...], mit unter dem Marktzins liegenden Kreditzinsen für Guthaben der Nichtbanken und dem Durchschleusen günstiger Kredite durch das Bankensystem zur Industrie, insb. Schwerindustrie, [dann wird deutlich, dass] das ein [Erfolgs-]Faktor zum Erreichen einer höheren Investitionsrate und daher einer höheren Wachstumsrate war.

Nichtsdestoweniger, im Moment, wo man das erwähnt, sollte man auch die Kehrseite erkennen. Wie ich bereit vorher gesagt hatte, bin ich in China und betrachte Probleme die mit dem hiesigen Kreditzyklus zu tun haben. Ich denke, hier ist klar, dass die Regierung eine Kreditausweitung durch das Bankensystem veranlasst hat, um ein investitionsgelenkte Volkwirtschaft anzutreiben. Die höhere Investitionsrate war entscheidend für eine höhere Wachstumsrate. Wenn man das einsieht, kann man auch die möglichen Nachteile erkennen. So kann ein Überinvestitionszyklus geschaffen werden, bei dem man letztendlich unwirtschaftliche Investitionen bei geringer Grenz-Kapitalproduktivität tätigt. Und man kann eine Wirtschaft erschaffen, die so von Nachfrage nach kreditfinanzierten Investitionen abhängig ist, dass sich ein fundamentales Ungleichgewicht zwischen der erzeugten Kapitalmenge und der Konsumnachfrage nach den Konsumgüter, die das Kapital produziert, einstellt. Und ich denke, China wird große Probleme haben, sich da wieder herauszumanövrieren. [...]

Zunächst sollten wir [...] anerkennen, dass wir selbst erst kürzlich durch einen solchen Hayek’schen Überinvestitionszyklus gegangen sind, nämlich in Ländern wie Spanien und Irland. Die nächste Folie zeigt einen von den vielen fast total verlassenen Provinzflughäfen, die in Spanien gebaut worden sind. Es wird hier sehr schön illustriert, wie auch ein Bankensystem mit freiem Markt letztlich zu viel Kreditgeld in diesen Zyklen erzeugen kann. Es können also Überinvestitionszyklen im Hayek’schen Sinn vorkommen, auch wenn wir unter der Annahme argumentieren, dass die gesamte Kreditausweitung zu Gunsten von Realinvestitionen in physischem Kapital geschieht. Jedoch findet in der Tat in modernen Volkswirtschaften die meiste Kreditausweitung, gegensätzlich zu aller Literatur, nicht zu diesem Zweck statt. Ich denke, es ist nützlich, über die verschiedenen Kategorien nachzudenken in deren Rahmen Kreditausweitung stattfindet. Es werden

  • Kredite an Spekulanten und Investoren vergeben, die einfach den Kauf vorhandener Vermögenstitel damit finanzieren,
  • Hypothen-Kredite an Haushalte vergeben, was Vermögenstransfer zwischen den Generationen darstellt. (Manchmal werden damit dann neue Häuser gekauft, aber manchmal einfach nur der Kauf von bereits bestehenden Häusern finanziert.) und
  • unbesichertert Darlehen und Finanzierungskredite an Haushalte mit Liquiditsengpässen oder schlichtweg ärmere Privatpersonen vergeben. [...]

Meine Schätzungen zu den Bilanzen des U.K., 2009, legen nahe, dass von £1,2 Milliarden Bankkreditwachstum, tatsächlich nur £232 Millionen, also nicht viel mehr als 13%, bereitgestellt worden sind, um produktiven Investitionsprojekten, von denen Hayek, Schumpeter und Wicksell ausgingen, zu finanzieren. [...]

 

Selbstverstärkende Kreditzyklen

 

[Unter Anerkennung dieser Tatsachen] können wir eine ganz neue Möglichkeit der Auswirkungen von Krediterzeugung erkennen, und zwar, dass Kredit, in der Weise, wie Hyman Minsky beschreibt, Zyklen in den Preisen von bestehenden Vermögenswerten hervorrufen, sowie in der Menge zusätzlich geschaffenen Kredits, woraus sich selbstverstärkende Zyklen ergeben: vermehrte Kreditvergabe befeuert steigende Vermögens-Preise, die wiederum Anlass zu Verhaltensänderungen sind, angesichts vermeintlicher Nettowertzuwächse, wobei beide Seiten, Kreditnehmer wie Gläubiger, auf die positiven Anreize positiv reagieren. Kreditnehmer stellen fest, dass der Preis ihres Vermögens nach oben geht und glauben, es sei gescheit mehr Geld zu leihen, womit die Kreditnachfrage steigt. Gestiegene Vermögenspreise führen zu geringeren Kreditabschreibungen, was den Nettowert von Interbankenbesicherungen vergrößert. Es bestärt die Leiter der Kreditabteilungen, dass es geschickt ist, Geld gegen die existierenden Vermögen zu vergeben, egal ob es sich um geschäftliche Immobilien handelt oder um Wohnhäuser. Damit geht die Kreditzufuhr nach oben und die Kreditnachfrage geht hoch, mehr Kredite werden vergeben und Vermögenspreise steigen weiter. Diese Zyklen von Krediten und Vermögenspreisen bereits existierender Vermögenswerte sind von fundamentaler Natur für die Dynamik von Kredit in einer modernen Volkswirtschaft.

Und eine der Folgen davon ist, dass die Zinsratenelastizität der Kreditnachfrage zwischen den verschiedenen Kreditkategorien sehr variiert. Das ist ein fundamentale Problem für Wicksell’s Hypothese, dass sich der Kreditzyklus einschränken lässt, indem einfach, wie im modernen Notenbankwesen auch üblich, nur darauf geachtet wird, dass die Zinsrate zweckgemäß festgelegt wird. Dabei dachte doch Wicksell an neue Kredite für neue Investitionen (“Geldzins nahe natürlicher Zins -> alles wird gut”).

Die Zinsratenelastizitäten der Kreditnachfrage werden je nach Verwendung erheblich voneinander abweichen, und das im Lichte der Erwartungen von Vermögenspreis-Trends, die wiederum selbst endogen von der Kreditnachfrage gesteuert sind.

Das bedeutet, wer die Geschwindigkeit eines Booms von Immobilien-Darlehen durch Erhöhung der Zinsrate zu veringern versucht, läuft Gefahr den real produktiven Investitionen und dem nichtkommerziellem Immobiliensektor echten Schaden zuzufügen – und das lange bevor der Boom im kommerziellen Immobiliensektor gebremst wird, wo die Schätzungen für einen akzeptablen Kreditzins an die Erwartungen an Vermögenspreissteigerungen geknüpft sind. Es ist daher eine Gefahr, wenn man ganz und gar auf die Zinsrate vertraut, um Kreditzyklen zu kontrollieren.