Geldsystempiraten

Finanzjournalistin Ulrike Herrmann (Foto Wikipedia)

Finanzjournalistin Ulrike Herrmann (Foto Wikipedia)

Dieser Artikel von Ulrike Herrmann, ist am 13.9.2013 in der deutschsprachigen Ausgabe der Le Monde diplopmatique erschienen und hat schon viele positive Reaktionen hervorgerufen. In der Debatte um eine Lösung der “Eurokrise” unterscheidet die Autorin vier verschiedene Teilkrisen. Diese müssen  in ihren Wechselwirkungen betrachtet werden.  Ulrike Herrmann ist  mittlerweile eine der renommiertesten deutschen Finanzjournalistinen. Ihre Artikel zeichnen sich durch eine gute Verständlichkeit aus. Auch komplexe Sachverhalte, wie die Eurokrise werden dadurch gut erklärt und werden so für die Bürger nachvollziehbar. Sie plädiert dafür, dass Lösungen der Krise bevorzugt aus gesamteuropäischer Sicht gedacht werden müssen. Das ist nicht die schlechteste Idee, selbst Eurokritiker könnten bei den Schlussfolgerungen der Autorin ins Grübeln kommen. Neben der fatalen Wirkung der Agenda 2010 auf den Euroraum, spricht sie auch Denk-Fehler der Occupy-Bewegung an und beschreibt die negative Wirkung der Austeritätspolitik, wie sie derzeit von Angela Merkel auf europäischer Ebene propagiert wird. Der Artikel ist absolut lesenswert.

http://www.monde-diplomatique.de/pm/2013/09/13.mondeText1.artikel,a0004.idx,0

In nächster Zeit wollen wir in einer kleinen Beitragsserie einige populäre Irrtümer im Finanz- und Wirtschafsbereich aufgreifen. Wir starten mit dem folgenen Beitrag zum Zentralbankgeld und der Geldpolitik.

Im Zuge der expansiveren Geldpolitik der Zentralbanken kommen leider immer wieder vielen falschen Aussagen und Thesen zustanden. Dazu gehört, dass dadurch Inflation entstehen muss, und dass die Geschäftsbanken das Zentralbankgeld an Kunden weiter verleihen würden oder es eben gerade nicht richtig tun. Zu diesen Aussagen kann man nur kommen, wenn man unser heutiges Geldsystem nicht richtig analysiert hat. Nicht nur uns in der AG Geldordnung und Finanzpolitik stört dieser Umstand, sondern auch verschiedene Ökonomen. So hat der Chefökonom  der Ratingagentur Standard & Poors, Paul Sheard, einen Artikel geschrieben, in dem er seinen Unmut deutlich zum Ausdruck bringt und die Sachlage versucht richtig darzustellen. Der Titel des Artikels lautet: „Repeat After Me: Banks Cannot And Do Not Lend Out Reserves” oder frei übersetzt: “Sprich mir nach: Banken können nicht und verleihen nicht Zentralbankgeld”

Der Unterschied zwischen Zentralbankgeld und Geschäftsbankengiralgeld

Sheard erklärt, wie Geld für Menschen und Unternehmen (sogenannte Nichtbanken) durch Kredit entsteht (ich nenne es Geschäftsbankengiralgeld). Mit verleihen hat der Kreditprozess nichts zu tun, vielmehr gilt: Geld entsteht und Geld vergeht. Ausführlich ist dies auch im Wiki der AG nachzulesen (Aufbereitete Themen: Geldschöpfung) oder als Video hier. Zentralbankgeld wird daher nur von der Zentralbank an die Geschäftsbanken gegeben und dort für Transaktionen zwischen den Geschäftsbanken genutzt. Wenn die Geschäftsbank einen Kredit an einen Kunden vergibt (als Giralgeld), so entsteht dabei neues Geschäftsbankengiralgeld, das mit dem Zentralbankgeld nichts zu tun hat. Es handelt sich sozusagen um eine andere Geldsphäre. Deshalb ist es faktisch falsch davon zu reden, dass Geschäftsbanken das Zentralbankgeld direkt mit Krediten „weiter geben“. Die Verknüpfung dieser beiden Geldsphären besteht nur darin, dass Nichtbanken ihr Giralgeld, auf dem Konto bei der Geschäftsbank, in Bargeld umtauschen können (und umgekehrt). Unser Bargeld ist nämlich auch Zentralbankgeld.

Der Einfluss der Zentralbankgeldmenge auf die Geldschöpfung der Geschäftsbanken

Nun gehen die alten Theorien zur Geldmengensteuerung davon aus, dass die Zentralbank über die Zentralbankgeldmenge die Geldschöpfung der Geschäftsbanken steuert (Stichwort: Mindestreserve). Auch dies hält Sheard für falsch und wir hatten dies bereits mit Prof. Richard Werner diskutiert. Für die Kreditvergabe der Geschäftsbanken ist demnach nicht die Zentralbankgeldmenge ausschlaggebend, sondern die Nachfrage nach Krediten aus dem Nichtbankensektor. Diese Nachfrage wird durch verschiedene wirtschaftliche Faktoren bestimmt. Die Zentralbank steuert also nicht, sondern stellt nur noch das Zentralbankgeld zur Verfügung, das nach der Geldschöpfung der Geschäftsbanken benötigt wird. Verschiedene Zentralbanken auf der Welt stellen derzeit in großen Stil Zentralbankgeld zur Verfügung, zum Beispiel die US-amerikanische Notenbank FED mit ihrem „Quantitative Easing“- Programm (QE). Dass dies nicht in gleichem Maße zu einer erhöhten Geldmenge für den Nichtbankensektor führt, zeigt die folgende Grafik.

Vergleich der Geldmenge M2 und der Zentralbankgeldreserven in den USA

Vergleich der Geldmenge M2 und der Zentralbankgeldreserven in den USA

Obwohl die Zentralbankgeldmenge (hier blau, „Bank reserves“) seit 2008 massiv ansteigt, entwickelte sich die Geldmenge M2 im Nichtbankensektor (rot) seit 1996 fast linear weiter. (Anmerkung: da die FED die $-Geldmenge M3 nicht mehr veröffentlicht, könnte es sein, dass bei dessen Betrachtung eine etwas andere Entwicklung abgelesen werden könnte. Laut shadowstats.com wächst M3 sogar schwächer.)

Der Einfluss von QE und ähnlichen Maßnahmen auf die Kreditvergabe der Geschäftsbanken scheint also begrenzt zu sein. Nichtsdestotrotz würde die Kreditvergabe ohne solche Programme womöglich heute noch schlechter aussehen. Der gewünschte Effekt tritt laut Sheard unter anderem durch die Portfolio-Restrukturierung der Geschäftsbanken auf. Durch den Aufkauf der Zentralbank von langfristigen Vermögensgegenständen (Staatsanleihen, lange Kreditforderungen etc.) von den Geschäftsbanken steige die Bereitschaft neue Kredite zu vergeben (Anmerkung: Womöglich auch weil einige „faule Assets“ die Bilanzen nicht mehr belasten.). Der Effekt sei aber gering und sollte durch fiskalpolitische Maßnahmen (z.B. höhere Staatsausgaben) ergänzt werden. Er hält solche Maßnahmen, wie QE, trotzdem für richtig.

Die Zentralbankgeldmenge und die Inflation

Die Geldmenge (hier US-M2) steigt im gleichen Maße an, wenn die Zentralbank Vermögensgegenstände direkt von Nichtbanken kauft. Dabei erhalten die Nichtbanken den Betrag direkt auf ihre Konten und die jeweilige Geschäftsbank gleichzeitig Zentralbankgeld in gleicher Höhe. Dies findet bisher wahrscheinlich nicht im großen Maßstab statt. Sollte sich dies ändern, steigt auch das Inflationspotential. Damit eine Steigerung der Güterpreise (gemeint sind alle Realgüter) jedoch auch wirklich eintritt, muss das vermehrte Geld auch auf diesen Gütermärkten wirksam werden und darf nicht nur im bezugslosen Finanzsektor herumwandern. Inflationsgefahr besteht also nur, wenn sich die für die Wirtschaft relevante Geldmenge auch erhöht oder sich auf die Güterpreise auswirkt (vor allem durch erhöhte Nachfrage). Allein durch eine Erhöhung der Zentralbankgeldmenge, die nicht zu dieser relevanten Geldmenge gehört, kann also keine Inflation entstehen. Gleichzeitig können die Zentralbanken, durch den Verkauf der Vermögensgegenstände, die Zentralbankgeldmenge auch wieder abbauen. Ob das sinnvoll ist, oder zum Beispiel bei Staatsanleihen überhaupt möglich erscheint, soll hier nicht weiter ausgeführt werden.

Leider führen natürlich auch die expansiven Maßnahmen der Zentralbanken zu negativen Effekten. Sheard spricht von entstehenden Schwankungen an den Finanzmärkten, mit denen umgegangen werden muss. Leider führt er dies nicht weiter aus. Ein Effekt der erhöhten Zentralbankgeldmenge könnte auch sein, dass die Investmentbereiche der Geschäftsbanken aktiv werden und durch den Kauf von Vermögensgegenständen die Geldmenge (hier US-M2) erhöhen und gleichzeitig diese Vermögensmärkte befeuern. Denkbar sind vor allem Vermögensblasen, die aber nicht nur durch die erhöhte Zentralbankgeldmenge, sondern durch das niedrige Zinsniveau und somit geringen Renditen auf bestimmte Anlagen (z.B. Sparkonten, Staatsanleihen, etc.) gefördert werden, weil stattdessen in anderen Vermögensklassen vermehrt investiert wird. Es besteht auch die Möglichkeit, dass Finanzspekulationen auf Rohstoffe diese verteuern und somit auch über diesen Weg auf die Güterpreise durchschlagen. Oder auch, dass Preissteigerungen in Grund und Boden und Immobilien auftreten können, weil diese Vermögenswerte mehr nachgefragt werden. Dies sind aber auch allgemeine Probleme und keinesfalls erst durch eine bestimmte Geldpolitik der Zentralbank ausgelöst. Wie groß diese schlussendlich doch inflationär wirkenden Effekte wirklich sind und welchen Einfluss die geldpolitischen Maßnahmen dabei haben, lässt sich durch die vielen verschiedenen Einflussfaktoren schwer feststellen.

Ein vorübergehend positiver Effekt trat durch die expansive Geldpolitik auch auf. Geschäftsbanken, die an Liquiditätsengpässen durch zu große Kapitalabflüsse der Nichtbanken gelitten haben, konnten zunächst wieder handlungsfähig gemacht und dadurch das Finanzsystem stabilisiert werden. Vor allem für einige südeuropäische Banken war dies von Vorteil.

Zusammenfassung

1. Geschäftsbanken können das Zentralbankgeld von ihrer Zentralbank, aus rein technischen oder buchalterischen Gründen, nicht direkt an Nichtbanken „weiter geben“.
2. Eine Erhöhung der Zentralbankgeldmenge führt nicht direkt zu einer erhöhten Geldschöpfung der Geschäftsbanken durch Kredite.
3. Inflation bei Güterpreisen kann nicht direkt durch eine erhöhte Zentralbankgeldmenge ausgelöst werden.
4. Durch eine expansive Geldpolitik können verstärkte Schwankungen und Vermögensblasen an den Finanzmärkten auftreten.

Der letzte Punkt kann durch eine strenge Finanzmarktregulierung, Änderungen im Bankensystem und steuerliche Maßnahmen angegangen werden. Damit hat die Zentralbank aber wieder überhaupt nichts zu tun. Auch wenn man sich noch über einige Aussagen von Paul Sheard streiten kann, die Tatsachen wie Kredite vergeben werden und welchen Einfluss die Zentralbankgeldmenge darauf eben nicht hat, kann man nicht oft genug wiederholen.

Wenn mal wieder irgendwo jemand erwähnt wie das Geld der Zentralbank durch Geschäftsbanken weiter “verliehen” wird oder “weiter gegeben” werden soll, so antwortet: “Repeat After Me: Banks Cannot And Do Not Lend Out Reserves”.

Gibt es einen Weg aus der Eurokrise? Piratenpartei diskutiert mit führenden Wirtschaftsbloggern

Gibt es einen Weg aus der Eurokrise? Piratenpartei diskutiert mit führenden Wirtschaftsbloggern

Die Krise des Euro wurde vertagt. Bis zur Bundestagswahl wird man nichts mehr darüber hören, von den Regierungsparteien nicht, aber auch von den Oppositionsparteien wird der Ball vor der Wahl flach gehalten. Verständlich, den versagt haben in dieser Sache alle Parteien, und fundierte Problem-Lösungen haben sie nicht. Also besser aussitzen, bis nach der Wahl. Leider das übliche Spiel in der Demokratie.
Piraten dagegen vernetzen sich zunehmenden mit den progressiven Wissenschaftlern, Experten und Bloggern, um der Sache weiter auf den Grund zu kommen.

Das nächste Podiumsgespräch findet am Dienstag den 06.08.2013 um 20:00 Uhr in den Mumble Räumen der Piratenpartei Deutschland statt. Es wird auch einen Livestream über das pirateneigene Nebelhorn Radio ausgestrahlt.

Thema: Wege aus der Krise – Gibt es einen dritten Weg abseits der ökonomischen Dogmen?

Gäste werden diesmal führende Wirtschaftsblogger sein:

Dirk Elsner (Wirtschaftsblog- Blicklog)

Patrick Bernau (FAZIT Wirtschaftsblog der FAZ)

Mark Dittli (Chefredakteur Finanzen und Wirtschaft, Wirtschaftsblog: Never Mind, Züricher Tagesanzeiger)

Moderator: Matthias Garscha

Piraten greifen an - Vorsprung durch Wissen und Information!

Piraten greifen an – Vorsprung durch Wissen und Information!

Seit wenigen Wochen gibt es unter dem Motto “Piraten greifen an” eine neue Anlaufstelle in der Blogosphäre der Geld- und Wirtschaftspolitik. Verfasst werden die Beiträge von keinem Unbekannten, denn der Sprecher der AG Geldordnung, Matthias Garscha, hat sich als Moderator der Expertengespräche im Piraten-Mumble mittlerweile über die Piratenpartei hinaus einen Namen gemacht. Nun hat er seit einigen Wochen einen eigenen Blog gestartet, indem er aktuell diskutierte Themen aufarbeitet:

http://matthiasgarscha.wordpress.com/

Matthias Garscha (Koordinator und Sprecher der AG Geldordnung und Finanzpolitik)

Matthias Garscha Betreiber des Blogs: Piraten greifen an!

Heute wurde sein Artikel Spurensuche: “Ein Jahr nach Draghis Rede” – Eine vollkommen neue Währungsunion von den Nachdenkseiten in die aktuellen Empfehlungen übernommen:

http://www.nachdenkseiten.de/?p=17974#h08

Ist das nun der erste Ritterschlag unter Bloggerkollegen?

Spass beiseite, wir freuen uns, dass Piraten Flagge zeigen und aktiv in die öffentliche Debatte eingreifen. Das ist gerade in den Wahlkampfzeiten mehr als nötig, denn sowohl Regierungsparteien als auch Opposition scheinen das Thema Eurokrise bewusst aus dem Wahlkampf raushalten zu wollen, so als wäre da nichts. Spätestens nach der Wahl wird das Thema dann wieder brennen und uns mit voller Härte einholen.

Matthias Garscha wünschen wir weiterhin viel Erfolg und Spass bei der Sache!

P.S.: Auch das Abonnieren seines Twitter-Accounts ist empfehlenswert, täglich werden dort die wesentlichen tagesaktuellen Meldungen aus dem Themenbereich Geldpolitik getweetet:  @MGarscha

Neuer Auftakt zu den Piraten-Experten-Mumbles u.a. mit Prof. Helge Peukert

Neuer Auftakt zu den Piraten-Experten-Mumbles u.a. mit Prof. Helge Peukert

Veranstaltungshinweis: Zwischen Bundesverfassungsgericht und Bundestagswahl – Zeit für grundsätzliche Fragen an die Geldpolitik

Die Experten-Mumbles der Geldsystem-Piraten gehen in die nächste Runde. Bis zur Bundestagswahl im September werden neue Gäste und Themen in den Konferenzräumen der Piraten erwartet.

Jens Berger, der Autor der Nachdenkseiten und Prof Helge Peukert werden am Donnerstag, den 4. Juli um 20 Uhr im Gemeinschaftsraum/Konferenzraum des Mumble erwartet.

Frankfurter Buchmesse 2012 - Jens Berger (Nachdenkseiten)

Frankfurter Buchmesse 2012 – Jens Berger (Nachdenkseiten)

Die zwei Gäste werden zusammen mit Moderator Matthias Garscha die derzeit aktuellen Entwicklungen des Themenkreises Geldpolitik und Finanzen diskutieren.

Expertengespräche im Mumble haben in der AG Geldordnung bereits eine gewisse Tradition, die bisher durchgeführten Veranstaltungen sind allesamt dokumentiert und können hier vollständig abgerufen werden. http://www.geldsystempiraten.de/wp/media/video/

Zuhörer sind am Donnerstag abend willkommen und können sich über das Saalmikrofon einzubringen. Im Pad können Fragen für den Abend gesammelt werden: https://aggeldordnungundfinanzpolitik.piratenpad.de/6218

Direkter Link in den Konferenzraum: mumble://mumble.piratenpartei-nrw.de/Gemeinschaftsraum/Konferenzraum?title=Root&version=1.2.0

Das letzte dokumentierte Gespräch zwischen Matthias Garscha und Prof. Peukert fand vergangenes Jahr am Rande der Jahrestagung der Monetative in Berlin statt und kann hier angesehen werden:

http://www.youtube.com/watch?v=AUldal5FH78&feature=youtu.be

Vor Kurzem haben wir einen wichtigen Beitrag von Jens Berger repostet: http://www.geldsystempiraten.de/wp/piraten-und-europa-die-ezb-vor-dem-verfassungsgericht-zeit-fur-grundsatzliche-fragen/

Auch das Video der Nachdenkseiten zur Geldschöpfung wurde auf dem Blog vorgestellt: http://www.geldsystempiraten.de/wp/kommentar-zum-video-der-nachdenkseiten-uber-die-geldschopfung/