Ratingagentur

In nächster Zeit wollen wir in einer kleinen Beitragsserie einige populäre Irrtümer im Finanz- und Wirtschafsbereich aufgreifen. Wir starten mit dem folgenen Beitrag zum Zentralbankgeld und der Geldpolitik.

Im Zuge der expansiveren Geldpolitik der Zentralbanken kommen leider immer wieder vielen falschen Aussagen und Thesen zustanden. Dazu gehört, dass dadurch Inflation entstehen muss, und dass die Geschäftsbanken das Zentralbankgeld an Kunden weiter verleihen würden oder es eben gerade nicht richtig tun. Zu diesen Aussagen kann man nur kommen, wenn man unser heutiges Geldsystem nicht richtig analysiert hat. Nicht nur uns in der AG Geldordnung und Finanzpolitik stört dieser Umstand, sondern auch verschiedene Ökonomen. So hat der Chefökonom  der Ratingagentur Standard & Poors, Paul Sheard, einen Artikel geschrieben, in dem er seinen Unmut deutlich zum Ausdruck bringt und die Sachlage versucht richtig darzustellen. Der Titel des Artikels lautet: „Repeat After Me: Banks Cannot And Do Not Lend Out Reserves” oder frei übersetzt: “Sprich mir nach: Banken können nicht und verleihen nicht Zentralbankgeld”

Der Unterschied zwischen Zentralbankgeld und Geschäftsbankengiralgeld

Sheard erklärt, wie Geld für Menschen und Unternehmen (sogenannte Nichtbanken) durch Kredit entsteht (ich nenne es Geschäftsbankengiralgeld). Mit verleihen hat der Kreditprozess nichts zu tun, vielmehr gilt: Geld entsteht und Geld vergeht. Ausführlich ist dies auch im Wiki der AG nachzulesen (Aufbereitete Themen: Geldschöpfung) oder als Video hier. Zentralbankgeld wird daher nur von der Zentralbank an die Geschäftsbanken gegeben und dort für Transaktionen zwischen den Geschäftsbanken genutzt. Wenn die Geschäftsbank einen Kredit an einen Kunden vergibt (als Giralgeld), so entsteht dabei neues Geschäftsbankengiralgeld, das mit dem Zentralbankgeld nichts zu tun hat. Es handelt sich sozusagen um eine andere Geldsphäre. Deshalb ist es faktisch falsch davon zu reden, dass Geschäftsbanken das Zentralbankgeld direkt mit Krediten „weiter geben“. Die Verknüpfung dieser beiden Geldsphären besteht nur darin, dass Nichtbanken ihr Giralgeld, auf dem Konto bei der Geschäftsbank, in Bargeld umtauschen können (und umgekehrt). Unser Bargeld ist nämlich auch Zentralbankgeld.

Der Einfluss der Zentralbankgeldmenge auf die Geldschöpfung der Geschäftsbanken

Nun gehen die alten Theorien zur Geldmengensteuerung davon aus, dass die Zentralbank über die Zentralbankgeldmenge die Geldschöpfung der Geschäftsbanken steuert (Stichwort: Mindestreserve). Auch dies hält Sheard für falsch und wir hatten dies bereits mit Prof. Richard Werner diskutiert. Für die Kreditvergabe der Geschäftsbanken ist demnach nicht die Zentralbankgeldmenge ausschlaggebend, sondern die Nachfrage nach Krediten aus dem Nichtbankensektor. Diese Nachfrage wird durch verschiedene wirtschaftliche Faktoren bestimmt. Die Zentralbank steuert also nicht, sondern stellt nur noch das Zentralbankgeld zur Verfügung, das nach der Geldschöpfung der Geschäftsbanken benötigt wird. Verschiedene Zentralbanken auf der Welt stellen derzeit in großen Stil Zentralbankgeld zur Verfügung, zum Beispiel die US-amerikanische Notenbank FED mit ihrem „Quantitative Easing“- Programm (QE). Dass dies nicht in gleichem Maße zu einer erhöhten Geldmenge für den Nichtbankensektor führt, zeigt die folgende Grafik.

Vergleich der Geldmenge M2 und der Zentralbankgeldreserven in den USA

Vergleich der Geldmenge M2 und der Zentralbankgeldreserven in den USA

Obwohl die Zentralbankgeldmenge (hier blau, „Bank reserves“) seit 2008 massiv ansteigt, entwickelte sich die Geldmenge M2 im Nichtbankensektor (rot) seit 1996 fast linear weiter. (Anmerkung: da die FED die $-Geldmenge M3 nicht mehr veröffentlicht, könnte es sein, dass bei dessen Betrachtung eine etwas andere Entwicklung abgelesen werden könnte. Laut shadowstats.com wächst M3 sogar schwächer.)

Der Einfluss von QE und ähnlichen Maßnahmen auf die Kreditvergabe der Geschäftsbanken scheint also begrenzt zu sein. Nichtsdestotrotz würde die Kreditvergabe ohne solche Programme womöglich heute noch schlechter aussehen. Der gewünschte Effekt tritt laut Sheard unter anderem durch die Portfolio-Restrukturierung der Geschäftsbanken auf. Durch den Aufkauf der Zentralbank von langfristigen Vermögensgegenständen (Staatsanleihen, lange Kreditforderungen etc.) von den Geschäftsbanken steige die Bereitschaft neue Kredite zu vergeben (Anmerkung: Womöglich auch weil einige „faule Assets“ die Bilanzen nicht mehr belasten.). Der Effekt sei aber gering und sollte durch fiskalpolitische Maßnahmen (z.B. höhere Staatsausgaben) ergänzt werden. Er hält solche Maßnahmen, wie QE, trotzdem für richtig.

Die Zentralbankgeldmenge und die Inflation

Die Geldmenge (hier US-M2) steigt im gleichen Maße an, wenn die Zentralbank Vermögensgegenstände direkt von Nichtbanken kauft. Dabei erhalten die Nichtbanken den Betrag direkt auf ihre Konten und die jeweilige Geschäftsbank gleichzeitig Zentralbankgeld in gleicher Höhe. Dies findet bisher wahrscheinlich nicht im großen Maßstab statt. Sollte sich dies ändern, steigt auch das Inflationspotential. Damit eine Steigerung der Güterpreise (gemeint sind alle Realgüter) jedoch auch wirklich eintritt, muss das vermehrte Geld auch auf diesen Gütermärkten wirksam werden und darf nicht nur im bezugslosen Finanzsektor herumwandern. Inflationsgefahr besteht also nur, wenn sich die für die Wirtschaft relevante Geldmenge auch erhöht oder sich auf die Güterpreise auswirkt (vor allem durch erhöhte Nachfrage). Allein durch eine Erhöhung der Zentralbankgeldmenge, die nicht zu dieser relevanten Geldmenge gehört, kann also keine Inflation entstehen. Gleichzeitig können die Zentralbanken, durch den Verkauf der Vermögensgegenstände, die Zentralbankgeldmenge auch wieder abbauen. Ob das sinnvoll ist, oder zum Beispiel bei Staatsanleihen überhaupt möglich erscheint, soll hier nicht weiter ausgeführt werden.

Leider führen natürlich auch die expansiven Maßnahmen der Zentralbanken zu negativen Effekten. Sheard spricht von entstehenden Schwankungen an den Finanzmärkten, mit denen umgegangen werden muss. Leider führt er dies nicht weiter aus. Ein Effekt der erhöhten Zentralbankgeldmenge könnte auch sein, dass die Investmentbereiche der Geschäftsbanken aktiv werden und durch den Kauf von Vermögensgegenständen die Geldmenge (hier US-M2) erhöhen und gleichzeitig diese Vermögensmärkte befeuern. Denkbar sind vor allem Vermögensblasen, die aber nicht nur durch die erhöhte Zentralbankgeldmenge, sondern durch das niedrige Zinsniveau und somit geringen Renditen auf bestimmte Anlagen (z.B. Sparkonten, Staatsanleihen, etc.) gefördert werden, weil stattdessen in anderen Vermögensklassen vermehrt investiert wird. Es besteht auch die Möglichkeit, dass Finanzspekulationen auf Rohstoffe diese verteuern und somit auch über diesen Weg auf die Güterpreise durchschlagen. Oder auch, dass Preissteigerungen in Grund und Boden und Immobilien auftreten können, weil diese Vermögenswerte mehr nachgefragt werden. Dies sind aber auch allgemeine Probleme und keinesfalls erst durch eine bestimmte Geldpolitik der Zentralbank ausgelöst. Wie groß diese schlussendlich doch inflationär wirkenden Effekte wirklich sind und welchen Einfluss die geldpolitischen Maßnahmen dabei haben, lässt sich durch die vielen verschiedenen Einflussfaktoren schwer feststellen.

Ein vorübergehend positiver Effekt trat durch die expansive Geldpolitik auch auf. Geschäftsbanken, die an Liquiditätsengpässen durch zu große Kapitalabflüsse der Nichtbanken gelitten haben, konnten zunächst wieder handlungsfähig gemacht und dadurch das Finanzsystem stabilisiert werden. Vor allem für einige südeuropäische Banken war dies von Vorteil.

Zusammenfassung

1. Geschäftsbanken können das Zentralbankgeld von ihrer Zentralbank, aus rein technischen oder buchalterischen Gründen, nicht direkt an Nichtbanken „weiter geben“.
2. Eine Erhöhung der Zentralbankgeldmenge führt nicht direkt zu einer erhöhten Geldschöpfung der Geschäftsbanken durch Kredite.
3. Inflation bei Güterpreisen kann nicht direkt durch eine erhöhte Zentralbankgeldmenge ausgelöst werden.
4. Durch eine expansive Geldpolitik können verstärkte Schwankungen und Vermögensblasen an den Finanzmärkten auftreten.

Der letzte Punkt kann durch eine strenge Finanzmarktregulierung, Änderungen im Bankensystem und steuerliche Maßnahmen angegangen werden. Damit hat die Zentralbank aber wieder überhaupt nichts zu tun. Auch wenn man sich noch über einige Aussagen von Paul Sheard streiten kann, die Tatsachen wie Kredite vergeben werden und welchen Einfluss die Zentralbankgeldmenge darauf eben nicht hat, kann man nicht oft genug wiederholen.

Wenn mal wieder irgendwo jemand erwähnt wie das Geld der Zentralbank durch Geschäftsbanken weiter “verliehen” wird oder “weiter gegeben” werden soll, so antwortet: “Repeat After Me: Banks Cannot And Do Not Lend Out Reserves”.

Nach der Parlamentswahl in Italien überschlugen sich die Meldungen, insbesondere auch in der Wirtschaftspresse: „Italien-Wahl schockt Anleger: Dax ringt um Fassung“1, „Italiener erschrecken die Märkte“2, „Italien-Krimi an der Börse – Dax gibt weiter nach“3, „Dax auf Talfahrt nach Wahlpatt in Italien“4, „Italien schickt Börsen weltweit auf Talfahrt“5.

Die Italiener hatten offenbar falsch gewählt. Anleger sind geschockt, personifizierte Märkte erschrocken. Auch der nun offenbar beseelte deutsche Leitindex muss mit sich ringen um seine Fassung zu bewahren, geht aber nach langem Ringen schließlich doch auf Talfahrt. Die Anleger weltweit müssen nun um den Wert ihrer Depots fürchten, nur weil die Italiener ihr demokratisches Recht wahrgenommen haben, ihre Stimmen nach eigenem Ermessen auf die zur Wahl zugelassenen Parteien zu verteilen. Wer das Wahlergebnis als unsinnig empfindet, dem sei gesagt, dass skurrile und instabile Regierungen durchaus eine lange Tradition in Italien haben.

Als hätte er das Desaster schon geahnt, zeigte sich der Ölpreis vor der Wahl höchst volatil. Dessen Berg- und Talfahrt war dabei Ausdruck schierer Besorgnis der Märkte (an denen Preise übrigens nach Angebot und Nachfrage gebildet werden) und keinesfalls Ergebnis von Spekulationsgeschäften, für die die Wahl in Italien einen willkommenen Anlass geboten hätten.

Um das Schlimmste zu verhindern hatten die Märkte im Vorfeld der Wahl schon vorsorglich gegen Berlusconi gewettet6 und damit eine klare Wahlempfehlung ausgesprochen, an die sich die Italiener doch einfach nur hätten halten müssen. Da sie es nicht getan haben fallen nun weltweit die Aktienkurse.7 Der Schaden ist kaum zu beziffern. Insofern ist es nur folgerichtig, wenn dieses Maß an Verantwortungslosigkeit der italienischen Wählerinnen und Wähler umgehend bestraft wird und die erste Ratingagentur bereits eine weitere Herabstufung der Kreditwürdigkeit Italiens in Erwägung zieht.8

Bei aller Ironie soll keinesfalls verkannt werden, dass die Wahl in Italien, in einer hochgradig vernetzten Welt, natürlich einen Einfluss auf die europäische Politik, auf die Euro-Politik und auch einen gewissen Einfluss auf die Weltwirtschaft hat. Folgt man allerdings konsequent der aufgezeigten Logik, so müsste man im Grunde zu dem Ergebnis kommen, dass das Schicksal der Weltwirtschaft nicht in der Verantwortung von gut 45Mio. Wahlberechtigten in Italien verbleiben darf. Wenn eine einzelne demokratische Wahl scheinbar ein derartiges Chaos verursacht, wieviel Demokratie dürfen wir dann überhaupt noch zulassen, ohne Stabilität und Wohlstand zu gefährden? Wieviel Demokratie können wir zulassen und gleichzeitig sicherstellen, dass die richtige Regierung, im Sinne eines stabilen Wirtschafts- und Finanzsystems, gewählt wird?

Hier wird ein absurdes Bild gezeichnet, das die eigentlichen Ursachen und Verursacher der Instabilitäten im weltweiten Wirtschafts- und Finanzsystem vollständig ausblendet. Natürlich ist eine stabile Regierung wichtig, ebenso wie ein stabiles Wirtschafts- und Finanzsystem. Allerdings steht Demokratie nicht im Gegensatz zu Stabilität und Wohlstand, sondern ist vielmehr die Voraussetzung dafür. Die aktuelle Diskussion zeigt einen tieferen Konflikt zwischen der Erwartung der Märkte und der politischen Realität in einer Demokratie.9 Demokratien sind zu unberechenbar, zu langsam und schlicht zu lästig.

Unser Ziel muss sein diesen Konflikt im Sinne der Demokratie und der Bürgerrechte aufzulösen und zu verhindern, dass politische Systeme solange angepasst werden, bis sie den Erwartungen der Märkte entsprechen. Beides sind hervorragende Gründe die Piraten möglichst zahlreich in den Bundestag zu wählen.