target 2

Dieser Beitrag ist Teil unsere kleinen Reihe “Populäre Irrtümer”.

Es ist ein heißes Thema: Wie beenden wir die Finanzkrise im Euroraum? Wer bezahlt für ihre Spätfolgen? Oder auch: Bezahlt überhaupt irgendjemand dafür?

Um überhaupt eine Grundlage zur Beantwortung solcher Fragen zu haben, sollten wir uns unter anderem darüber unterhalten, welche Gelder bis jetzt geflossen sind. In den Medien lesen wir von gigantischen Zahlen. Eine dieser Zahlen sind die sogenannten Target-Salden. Deutschland hat Target-Forderungen in dreistelliger Milliardenhöhe gegenüber dem restlichen Euroraum.

Das wird dann in den Medien oft so dargestellt, als hätte Deutschland verdammt viel Geld in andere Teile des Euroraums geschickt. In Wirklichkeit ist aber genau das Gegenteil geschehen: Die Target-Salden dokumentieren, dass verdammt viel Geld aus anderen Teilen des Euroraums nach Deutschland geflossen ist. Dazu müssen wir etwas weiter ausholen.

 

Was sind eigentlich Target-Salden?

Es gibt ein paar grundlegende Dinge aus der Finanzwelt, die eigentlich in jedem Lehrplan stehen müssten. Eines dieser Dinge ist: Wie funktionieren eigentlich Überweisungen? Natürlich kennt jeder Online-Banking und Überweisungsvordrucke. Aber was passiert hinter den Kulissen? Das weiß fast niemand, und das haben auch wir uns mühsam erarbeiten müssen. Dieses Wissen ist aber essentiell, um die Bedeutung der Target-Salden zu verstehen.

Wenn Person A von ihrem Konto bei der A-Bank etwas Geld an Person B mit Konto bei der B-Bank überweist, dann gleichen die Banken diese Zahlungen untereinander aus, indem die A-Bank eine zweite, parallel laufende Überweisung tätigt, bei der Zentralbankgeld vom Konto der A-Bank bei der Zentralbank auf das Zentralbankkonto der B-Bank überwiesen wird. So logisch, so einfach (und zugegebenermaßen auch etwas vereinfacht), so gut. Mit etwas mehr Details habe ich den ganzen Vorgang hier beschrieben.

Nun ist das Europäische Zentralbanksystem nicht vollständig vereinheitlicht. Es gibt zwar die EZB als eigentliche Zentralbank des Euroraums. Aber auch die Zentralbanken der Staaten existieren weiter. Diese nationalen Zentralbanken erstellen auch nach wie vor separate Bilanzen – hier ist die der Bundesbank (ab Seite 144), der deutschen Zentralbank.

In den Bilanzen der nationalen Zentralbanken stehen die Zentralbankkonten der Banken aus diesem jeweiligen Land auf der Passiv-Seite, wie das in einer Bankbilanz eben üblich ist.

Wenn nun Menschen und Unternehmen in Griechenland weitaus mehr aus Deutschland importieren als umgekehrt, dann wird mehr Geld aus Griechenland nach Deutschland überwiesen als umgekehrt. Das bedeutet natürlich auch, dass — netto betrachtet — griechische Banken Zentralbankgeld an deutsche Banken überwiesen haben. Die Passiv-Seite der Bilanz der Bundesbank ist deshalb im Laufe der Jahre deutlich gewachsen.

In einer ordentlichen Bilanz müssen die Aktiv- und Passiv-Seiten gleich hoch sein. Also muss auch die Aktiv-Seite gewachsen sein. Damit das alles funktioniert, wurden beim Aufbau des europäischen Zentralbanksystems die Target-Salden erfunden. In der Bilanz der Bundesbank steht auf der Aktiv-Seite eine Target-Forderung (versteckt in Punkt 9.4 der Aktiva). Die Höhe dieser Forderung dokumentiert, wie viel Zentralbankgeld seit Gründung des Euro aus dem Rest des Euroraums nach Deutschland netto überwiesen wurde.

 

Aber die Deutschen bezahlen doch angeblich?

Nun, zunächst einmal haften sie vor allem, und das auch nicht persönlich. Die in der öffentlichen Diskussion oft gedroschenen Phrasen sind oft in vieler Hinsicht problematisch.

Aber das ist für diese Diskussion ohnehin irrelevant. Was die Target-Salden heute tatsächlich dokumentieren hat mit Geldflüssen seit Gründung des Euroraums zu tun. In dieser Zeit hat Deutschland massive Import-Defizite angehäuft: Deutschland hat im Vergleich zu seinen Exporten viel zu wenig importiert. Folgerichtig ist mehr Geld zur Bezahlung der Importe nach Deutschland geflossen als umgekehrt.

In den Target-Salden hat sich das in den ersten Jahren nicht gezeigt, weil deutsche Banken Wertpapiere aus Südeuropa gekauft haben. So ist das Zentralbankgeld, das im Zuge der Überweisungen nach Deutschland geflossen ist, auch wieder zurück geflossen. Dabei floss das Geld natürlich nicht unbedingt immer direkt in die Länder zurück, aus dem es kam. Die Zahlungsströme sind weit verzweigt, aber zumindest indirekt und netto kam es zu Rückflüssen und damit weitestgehend zum Ausgleich der Target-Salden. Dieser Rückfluss ist durch die Finanzkrise gestoppt worden. Dieser Effekt wird noch weiter verstärkt, wenn die Reichen in den Krisen-Staaten ihr Geld auf Bankkonten in Deutschland überweisen.

 

Können die Target-Salden zurück gezahlt werden?

Ja, das können sie.

Die Begriffe sind hier allerdings etwas verwirrend. Wenn man eine Forderung an jemand anderen hat, dann wird diese Forderung normalerweise ausgeglichen, indem man von dem anderen Geld erhält.

Im Fall der deutschen Target-Forderungen haben deutsche Unternehmen das Geld aus dem Ausland bereits erhalten. Deshalb verhält es sich genau umgekehrt: Die deutschen Target-Forderungen werden nur weniger, wenn von Deutschland aus deutlich mehr Geld in den Rest des Euroraums überwiesen wird.

Das kann geschehen, indem Deutsche mehr in den Urlaub fahren oder mehr importieren. Das kann auch geschehen, indem Deutschland anderen Teilen des Euroraums Geschenke überweist.

 

Müssen die Target-Salden zurück gezahlt werden?

Nein. Der Euro als Währung kann beliebig lange mit beliebig großen Target-Salden funktionieren.

Übrigens: Wenn man aus dem Euroraum einen vernünftigen, einheitlichen Währungsraum schaffen würde, in dem es nur eine Zentralbank gibt anstatt vieler nationaler Zentralbanken, dann gäbe es die Target-Salden sowieso nicht mehr. Auch daran sehen wir, dass die Target-Salden reine “Papiertiger” sind, durch die die Wirtschaft nicht beeinflusst wird.

Allerdings weisen die Target-Salden auf Ungleichgewichte im Außenhandel hin, an denen die deutsche Politik ganz besonders schuldig ist.

Darüber müssen wir uns unterhalten. Wollen wir Deutschen wirklich diese Import-Defizite, die zu den hohen Target-Forderungen führen? Warum soll man arbeiten und arbeiten, wenn am Ende nur eine Zahl in einem Computersystem größer wird? Exporte sind schön und gut, aber wirklich sinnvoll werden sie erst dann, wenn man das dadurch erworbene Geld auch wieder für etwas Sinnvolles ausgibt, sprich: wenn man mindestens genauso viel importiert.

Dabei muss man gar nicht unbedingt aus den Ländern importieren, in die man exportiert. Solange Importe und Exporte ungefähr in gleicher Höhe sind, kommt es indirekt über den Markt automatisch zum Ausgleich auch für andere Länder.

…so formuliert der Ökonom de Grauwe in einer Erwiederung auf Prof. Sinn in der FAZ. Am wichtigsten in seiner Argumentation erscheint mir jetzt die Risikoverlagerung von den privaten Banken und Investoren zur Bundesbank (Steuerzahler der BR Deutschland).
Wenn wir den Sachverlhalt des nicht ausgleichen müssen der Buba Bilanz mal aussen vor lassen, stellt  auch  de Grauwe die Frage nach dem dutschen Exportmodell ins Zentrum seiner Kritik. In einer Währungsunion ergibt sich bei einer solcher Strategie zwangläufig ein Teil der Problematik um die Zahlungsbilananzsalden (Target 2).

Zitat:
“De Grauwe betont, dass damit die heutigen Risiken angelegt wurden. Die Banken, die das Kapital in die Peripherie lenkten, gingen ein hohes Risiko ein. In den Target-Salden war davon nichts zu sehen. Bis zum Ausbruch der Krise lagen diese um die Null-Linie. Erst seit Ausbruch der Krise 2008/2009 schossen die Target-Salden steil auseinander. Warum? Weil die Nord-Banken keinen Kredit mehr gaben. Die Banken der Krisenländer mussten immer mehr auf Kredite bei ihren Notenbanken zurückgreifen. Dieser Geldschöpfung – Sinn spricht von einer „goldenen Kreditkarte – entsprechen auf der anderen Seite des Eurosystems die explosionsartig wachsenden Forderungen der Deutschen Bundesbank sowie anderer mittel- und nordeuropäischer Notenbanken. Die Forderungen stehen nun im Feuer und könnten zu gigantischen Verlusten führen. „Deutschland hätte das vermeiden können, indem es seine Leistungsbilanzüberschüsse reduziert hätte; es weigerte sich, das zu tun, daher liegt die Verantwortung für das Risiko bei Deutschland und nicht bei einem obskuren System wie Target 2“, schreibt De Grauwe.”

Die FAZ nimmt jedoch Sinn etwas in Schutz indem Sie formuliert:

Zitat:
“De Grauwes Widerspruch zu Sinn erscheint aber etwas konstruiert, denn auch der Ifo-Präsident, der die Target-Problematik als Erster thematisiert hat, weiß, dass die Risiken schon im Kapitalfluss vor der Krise angelegt waren. Aber Sinn argumentiert, dass Target eine Verlängerung und Vergrößerung dieser Risiken bewirkt. Durch die unbegrenzte Zentralbankrefinanzierung können die Krisenländer weitere Leistungsbilanzdefizite finanzieren, zum anderen wird Kapitalflucht ausgeglichen. Der Sachverständigenrat hat in seinem Jahresgutachten jüngst erklärt, die Target-2-Salden seien „fast ausschließlich auf Veränderungen der Kapitalströme zurückzuführen“. Sinn sieht dies nur zum Teil als erwiesen an.
Problematisch an De Grauwes Argumentation ist seine Vorstellung, dass das Risiko „für Deutschland“ gleich bleibe – unabhängig davon, ob private Banken und Investoren oder die Bundesbank die Milliardenforderungen gegen die Europeripherie halten. Hinter der Bundesbank steht der deutsche Staat, mithin der Steuerzahler. Dieser haftet also letztlich für das Abenteuer. Auf diese Verlagerung des Risikos von privaten Gläubigern hin zum Steuerzahler im Zuge der „Euro-Rettung“ zielt Sinns Kritik im Kern.”
Quelle: F.A.Z.

http://www.faz.net/aktuell/wirtschaft/europas-schuldenkrise/schuldenkrise-ist-target-2-nur-ein-suendenbock-11964519.html