Zentralbankgeld

Im Rahmen unserer Reihe “Populäre Irrtümer” soll hier als Fortführung des Artikels Geschäftsbanken verleihen Zentralbankgeld die Behauptung „Banken benötigen Spareinlagen um Kredite zu vergeben“ als falsch entlarvt werden.

In der gängigen Meinung funktionieren Geschäftsbanken als reine finanzielle Vermittler, während die Erzeugung von Geld (Geldschöpfung) alleine der Zentralbank zukommt. Tatsächlich ist unser Geldsystem ein Hybrid aus öffentlicher und privater Struktur, in dem ein maßgeblicher Teil der Geldschöpfung bei den Geschäftsbanken liegt. In einer für jedermann verständlichen Veröffentlichung der Bundesbank ist zu lesen:

“Geschäftsbanken schaffen Geld durch Kreditvergabe.”

Benötigt also ein Unternehmen einen Kredit für eine Neuinvestition, kann die Bank diesen immer gewähren, da dieses Geld eben durch Bilanzverlängerung neu entsteht (siehe auch hier und hier). Da ein Ausfall dieses Kredits der Bank einen Verlust beschert, wird sie vorher im eigenen Interesse die Zahlungsfähigkeit des Schuldners prüfen und gegebenenfalls Sicherheiten verlangen. Ansonsten muss sie nur die Mindestreserve- und Eigenkapitalanforderungen einhalten. Die Mindestreserve gibt an, wie viel Zentralbankgeld eine Bank im Verhältnis zur Gesamthöhe ihrer Kundenguthaben vorhalten muss. Hat eine Bank so viel Giralgeld erzeugt, dass ihr Bestand an Zentralbankgeld zu niedrig ist, muss sie sich dieses neu besorgen. Neues Zentralbankgeld kann sich die Bank aber u. a. über Pensionsgeschäfte zum Leitzins (Hauptrefinanzierungssatz) von der Zentralbank beschaffen. Zusätzlich gilt laut Bundesbank:

“Die als Mindestreserve gehaltenen Einlagen werden vom Eurosystem verzinst, und zwar zum durchschnittlichen Zinssatz der Hauptrefinanzierungsgeschäfte. Die Geschäftsbanken haben somit durch die Mindestreservepflicht praktisch keinen Zins- und Wettbewerbsnachteil gegenüber Banken außerhalb des Euro-Währungsgebiets, die keine Mindestreserve unterhalten müssen.”

Die Mindestreserve ist also für die Banken kostenneutral und beschränkt die Geldschöpfung de facto nicht. Damit bleibt als einschränkender Faktor nur die Eigenkapitalanforderung. Der Vorgang des Sparens bewirkt jedoch keine Veränderung des Eigenkapitals der Bank. Die Möglichkeit einer Kreditvergabe ist somit von Sparaktivitäten unabhängig. Um der Vollständigkeit willen sei hier allerdings darauf hingewiesen, dass Sparen für Banken nicht generell irrelevant ist; eine genauere Ausführung dazu findet sich hier.

Man sieht also, dass erhöhtes Sparen die Kreditvergabe für Investitionen nicht begünstig. Eine volkswirtschaftliche Kausalität gibt es stattdessen in der anderen Richtung: Investitionen wirken sich tendenziell positiv auf Einkommen und Profite und deswegen auch tendenziell positiv auf Sparen aus.

Dagegen geht eine erhöhte Sparneigung in der Regel mit reduziertem Konsum einher, sodass Verkäufer deutlich geringere Einnahmeströme sehen. In der Folge werden sich Unternehmen die Frage stellen, ob sich Investitionen überhaupt noch lohnen, wenn weniger verkauft werden kann – und Familien werden sich die Frage stellen, ob in Zeiten großer Unsicherheit am Arbeitsmarkt ein Hausbau wirklich das Richtige ist. Demnach wirkt sich verstärktes Sparen letztlich sogar negativ auf Investitionen und damit auf die Möglichkeit der Kreditvergabe durch die Geschäftsbanken aus.

Man kann nun versuchen, die Verbindung zwischen Sparen und Kreditvergabe wiederherzustellen, indem man die Mindestreserve auf 100% erhöht, wie es Befürworter des Vollgelds fordern. Oder aber man begrüßt die Möglichkeit, die Realwirtschaft jederzeit in gewünschter Höhe finanzieren zu können, und stellt das derzeitige Hybridsystem konsequent auf ein endogenes um. Dabei muss nur sichergestellt werden, dass die Kreditvergabe auch sinnvollen Zwecken dient, wie es etwa dieser Antrag fordert.

In nächster Zeit wollen wir in einer kleinen Beitragsserie einige populäre Irrtümer im Finanz- und Wirtschafsbereich aufgreifen. Wir starten mit dem folgenen Beitrag zum Zentralbankgeld und der Geldpolitik.

Im Zuge der expansiveren Geldpolitik der Zentralbanken kommen leider immer wieder vielen falschen Aussagen und Thesen zustanden. Dazu gehört, dass dadurch Inflation entstehen muss, und dass die Geschäftsbanken das Zentralbankgeld an Kunden weiter verleihen würden oder es eben gerade nicht richtig tun. Zu diesen Aussagen kann man nur kommen, wenn man unser heutiges Geldsystem nicht richtig analysiert hat. Nicht nur uns in der AG Geldordnung und Finanzpolitik stört dieser Umstand, sondern auch verschiedene Ökonomen. So hat der Chefökonom  der Ratingagentur Standard & Poors, Paul Sheard, einen Artikel geschrieben, in dem er seinen Unmut deutlich zum Ausdruck bringt und die Sachlage versucht richtig darzustellen. Der Titel des Artikels lautet: „Repeat After Me: Banks Cannot And Do Not Lend Out Reserves” oder frei übersetzt: “Sprich mir nach: Banken können nicht und verleihen nicht Zentralbankgeld”

Der Unterschied zwischen Zentralbankgeld und Geschäftsbankengiralgeld

Sheard erklärt, wie Geld für Menschen und Unternehmen (sogenannte Nichtbanken) durch Kredit entsteht (ich nenne es Geschäftsbankengiralgeld). Mit verleihen hat der Kreditprozess nichts zu tun, vielmehr gilt: Geld entsteht und Geld vergeht. Ausführlich ist dies auch im Wiki der AG nachzulesen (Aufbereitete Themen: Geldschöpfung) oder als Video hier. Zentralbankgeld wird daher nur von der Zentralbank an die Geschäftsbanken gegeben und dort für Transaktionen zwischen den Geschäftsbanken genutzt. Wenn die Geschäftsbank einen Kredit an einen Kunden vergibt (als Giralgeld), so entsteht dabei neues Geschäftsbankengiralgeld, das mit dem Zentralbankgeld nichts zu tun hat. Es handelt sich sozusagen um eine andere Geldsphäre. Deshalb ist es faktisch falsch davon zu reden, dass Geschäftsbanken das Zentralbankgeld direkt mit Krediten „weiter geben“. Die Verknüpfung dieser beiden Geldsphären besteht nur darin, dass Nichtbanken ihr Giralgeld, auf dem Konto bei der Geschäftsbank, in Bargeld umtauschen können (und umgekehrt). Unser Bargeld ist nämlich auch Zentralbankgeld.

Der Einfluss der Zentralbankgeldmenge auf die Geldschöpfung der Geschäftsbanken

Nun gehen die alten Theorien zur Geldmengensteuerung davon aus, dass die Zentralbank über die Zentralbankgeldmenge die Geldschöpfung der Geschäftsbanken steuert (Stichwort: Mindestreserve). Auch dies hält Sheard für falsch und wir hatten dies bereits mit Prof. Richard Werner diskutiert. Für die Kreditvergabe der Geschäftsbanken ist demnach nicht die Zentralbankgeldmenge ausschlaggebend, sondern die Nachfrage nach Krediten aus dem Nichtbankensektor. Diese Nachfrage wird durch verschiedene wirtschaftliche Faktoren bestimmt. Die Zentralbank steuert also nicht, sondern stellt nur noch das Zentralbankgeld zur Verfügung, das nach der Geldschöpfung der Geschäftsbanken benötigt wird. Verschiedene Zentralbanken auf der Welt stellen derzeit in großen Stil Zentralbankgeld zur Verfügung, zum Beispiel die US-amerikanische Notenbank FED mit ihrem „Quantitative Easing“- Programm (QE). Dass dies nicht in gleichem Maße zu einer erhöhten Geldmenge für den Nichtbankensektor führt, zeigt die folgende Grafik.

Vergleich der Geldmenge M2 und der Zentralbankgeldreserven in den USA

Vergleich der Geldmenge M2 und der Zentralbankgeldreserven in den USA

Obwohl die Zentralbankgeldmenge (hier blau, „Bank reserves“) seit 2008 massiv ansteigt, entwickelte sich die Geldmenge M2 im Nichtbankensektor (rot) seit 1996 fast linear weiter. (Anmerkung: da die FED die $-Geldmenge M3 nicht mehr veröffentlicht, könnte es sein, dass bei dessen Betrachtung eine etwas andere Entwicklung abgelesen werden könnte. Laut shadowstats.com wächst M3 sogar schwächer.)

Der Einfluss von QE und ähnlichen Maßnahmen auf die Kreditvergabe der Geschäftsbanken scheint also begrenzt zu sein. Nichtsdestotrotz würde die Kreditvergabe ohne solche Programme womöglich heute noch schlechter aussehen. Der gewünschte Effekt tritt laut Sheard unter anderem durch die Portfolio-Restrukturierung der Geschäftsbanken auf. Durch den Aufkauf der Zentralbank von langfristigen Vermögensgegenständen (Staatsanleihen, lange Kreditforderungen etc.) von den Geschäftsbanken steige die Bereitschaft neue Kredite zu vergeben (Anmerkung: Womöglich auch weil einige „faule Assets“ die Bilanzen nicht mehr belasten.). Der Effekt sei aber gering und sollte durch fiskalpolitische Maßnahmen (z.B. höhere Staatsausgaben) ergänzt werden. Er hält solche Maßnahmen, wie QE, trotzdem für richtig.

Die Zentralbankgeldmenge und die Inflation

Die Geldmenge (hier US-M2) steigt im gleichen Maße an, wenn die Zentralbank Vermögensgegenstände direkt von Nichtbanken kauft. Dabei erhalten die Nichtbanken den Betrag direkt auf ihre Konten und die jeweilige Geschäftsbank gleichzeitig Zentralbankgeld in gleicher Höhe. Dies findet bisher wahrscheinlich nicht im großen Maßstab statt. Sollte sich dies ändern, steigt auch das Inflationspotential. Damit eine Steigerung der Güterpreise (gemeint sind alle Realgüter) jedoch auch wirklich eintritt, muss das vermehrte Geld auch auf diesen Gütermärkten wirksam werden und darf nicht nur im bezugslosen Finanzsektor herumwandern. Inflationsgefahr besteht also nur, wenn sich die für die Wirtschaft relevante Geldmenge auch erhöht oder sich auf die Güterpreise auswirkt (vor allem durch erhöhte Nachfrage). Allein durch eine Erhöhung der Zentralbankgeldmenge, die nicht zu dieser relevanten Geldmenge gehört, kann also keine Inflation entstehen. Gleichzeitig können die Zentralbanken, durch den Verkauf der Vermögensgegenstände, die Zentralbankgeldmenge auch wieder abbauen. Ob das sinnvoll ist, oder zum Beispiel bei Staatsanleihen überhaupt möglich erscheint, soll hier nicht weiter ausgeführt werden.

Leider führen natürlich auch die expansiven Maßnahmen der Zentralbanken zu negativen Effekten. Sheard spricht von entstehenden Schwankungen an den Finanzmärkten, mit denen umgegangen werden muss. Leider führt er dies nicht weiter aus. Ein Effekt der erhöhten Zentralbankgeldmenge könnte auch sein, dass die Investmentbereiche der Geschäftsbanken aktiv werden und durch den Kauf von Vermögensgegenständen die Geldmenge (hier US-M2) erhöhen und gleichzeitig diese Vermögensmärkte befeuern. Denkbar sind vor allem Vermögensblasen, die aber nicht nur durch die erhöhte Zentralbankgeldmenge, sondern durch das niedrige Zinsniveau und somit geringen Renditen auf bestimmte Anlagen (z.B. Sparkonten, Staatsanleihen, etc.) gefördert werden, weil stattdessen in anderen Vermögensklassen vermehrt investiert wird. Es besteht auch die Möglichkeit, dass Finanzspekulationen auf Rohstoffe diese verteuern und somit auch über diesen Weg auf die Güterpreise durchschlagen. Oder auch, dass Preissteigerungen in Grund und Boden und Immobilien auftreten können, weil diese Vermögenswerte mehr nachgefragt werden. Dies sind aber auch allgemeine Probleme und keinesfalls erst durch eine bestimmte Geldpolitik der Zentralbank ausgelöst. Wie groß diese schlussendlich doch inflationär wirkenden Effekte wirklich sind und welchen Einfluss die geldpolitischen Maßnahmen dabei haben, lässt sich durch die vielen verschiedenen Einflussfaktoren schwer feststellen.

Ein vorübergehend positiver Effekt trat durch die expansive Geldpolitik auch auf. Geschäftsbanken, die an Liquiditätsengpässen durch zu große Kapitalabflüsse der Nichtbanken gelitten haben, konnten zunächst wieder handlungsfähig gemacht und dadurch das Finanzsystem stabilisiert werden. Vor allem für einige südeuropäische Banken war dies von Vorteil.

Zusammenfassung

1. Geschäftsbanken können das Zentralbankgeld von ihrer Zentralbank, aus rein technischen oder buchalterischen Gründen, nicht direkt an Nichtbanken „weiter geben“.
2. Eine Erhöhung der Zentralbankgeldmenge führt nicht direkt zu einer erhöhten Geldschöpfung der Geschäftsbanken durch Kredite.
3. Inflation bei Güterpreisen kann nicht direkt durch eine erhöhte Zentralbankgeldmenge ausgelöst werden.
4. Durch eine expansive Geldpolitik können verstärkte Schwankungen und Vermögensblasen an den Finanzmärkten auftreten.

Der letzte Punkt kann durch eine strenge Finanzmarktregulierung, Änderungen im Bankensystem und steuerliche Maßnahmen angegangen werden. Damit hat die Zentralbank aber wieder überhaupt nichts zu tun. Auch wenn man sich noch über einige Aussagen von Paul Sheard streiten kann, die Tatsachen wie Kredite vergeben werden und welchen Einfluss die Zentralbankgeldmenge darauf eben nicht hat, kann man nicht oft genug wiederholen.

Wenn mal wieder irgendwo jemand erwähnt wie das Geld der Zentralbank durch Geschäftsbanken weiter “verliehen” wird oder “weiter gegeben” werden soll, so antwortet: “Repeat After Me: Banks Cannot And Do Not Lend Out Reserves”.

Positive Money - Geldreform in England

Positive Money – Geldreform in England

In London findet in einigen Wochen eine Positive Money Konferenz statt. Da auch mindestens ein Geldsystempirat mitfahren wird, erreichte uns ein Begleitschreiben von Prof. Joseph Huber, gedacht für die Reisegruppe.

Ein spezielles Thema für Insider, es steht aber ausser Frage, dass exakte Definitionen in jeder fachlichen Debatte notwendig sind. Wenn das nicht gegeben ist, und die verwendete Begriffe nicht klar definiert sind, gibt es endlose Diskussionsloops. Das zeigt zumindest die Erfahrung aus den Diskussionen der Mailinglisten und Mumblesitzungen der Geldsystempiraten.

Wir nehmen hier also die Gelegenheit war, zumindest bei der Vollgeld-Reform zu einer klaren Begriffsdefinition beizutragen.

Hier Joseph Hubers aktueller Beitrag zum 100%-Vollgeld-Sprachverständnis im Englischen:

“Anscheinend verwendet die britische Geldreformszene den Ausdruck Full-reserve banking seit ca. 2010 (aufgrund einiger Publikationen von Positive Money und der New Economics Foundation) im Sinne des Vollgeld-Konzeptes nach Huber/Robertson, und das bedeutet:
Reserve = Zentralbankgeld, und Full-reserve = ausschließlich von der Zentralbank in Umlauf gebrachte gesetzliche Zahlungsmittel.

Wenn man das so sieht, dann gilt Full reserve = Vollgeld; obwohl das nicht optimal ist, da es in einem solchen System eine ‘Reserve’ im herkömmlichen Sinn, in einem gesplitteten Interbanken- und Publikumskreislauf, überhaupt nicht mehr gibt. Davon abgesehen, kann der engl. Sprachgebrauch trotzdem Verwirrung stiften und bewirken, dass man aneinander vorbei redet, denn Full-reserve banking war in seiner bislang verbreitet gewesenen Verwendung gleichbedeutend mit 100%-Reserve-Banking (Chicago plan, 100%-money nach Fisher). Das muss man wissen, wenn man auf Englisch über Vollgeld redet. Übrigens kann man zu ‘government-issued oder central-bank-issued money’ auch ‘sovereign money’ sagen.

Wenn ich die nun angelaufene Diskussion in der Positive Money Google-Gruppe zu ‘full-reserve banking’ ansehe, auch die daran sich beteiligenden Nicht-Briten, scheint es auch da nun so zu sein, dass ‘Full-reserve banking’ im Sinn von ‘Vollgeld’ verwendet wird (also nicht mehr im Sinn des 100%-reserve-banking der 1930er Jahre).
https://groups.google.com/forum/#!forum/full-reserve

Mit diesem Hinweis können wir nun gut gerüstet nach London reisen. Hier der Link zu der Veranstaltung: http://www.positivemoney.org/conference/